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Wagram-Werbung mit Zeitverzögerung

Roter Veltliner ist Weißwein, der komplex wie ein Rotwein wird.

Was hierzulande Rot im Sorten-Namen trägt, ist meistens Weißwein und eher selten. Diese leicht paradoxe Formel trifft auf den Roten Traminer, den Rotgipfler und auch den Roten Veltliner zu. Während die ersten beiden in der Steiermark und der Thermenregion ihr Reservat gefunden haben, kultiviert man den Roten Veltliner mit wenigen Ausnahmen (der Kremstaler Sepp Mantler oder Hans Setzer im Weinviertel wären hier zu nennen) am Wagram.

Das Schöne für Regionsspezialitäten-Junkies wie mich sind dann kleine Wellen der Aufmerksamkeit, die eine solche Rarität dann und wann erfassen. Tatsächlich wird die fast schon sprichwörtlich anspruchsvolle Sorte (vor allem Fäulnis ist im regenreichen Österreich der Hauptfeind) seit ein paar Jahren wieder vermehrt ausgepflanzt. Gut so, denn das Potential des Weines wird immer noch unterschätzt, wie mir dieser Tage Horst und Gerhard Kolkmann klar machten.

Die Voraussetzungen für den von ihnen kredenzten Roten Veltliner sind viel versprechend. Denn die Lage Scheiben, aus der die Reserve stammt, bringt das Beste aus zwei Boden-Typen mit, das „Fette“ des Löss und den Tiefgang des steinigen Elements, in diesem Falle eine Kalkunterlage. Verfeinert wird das Ausgangsmaterial noch im großen Holzfass und auch der lange Hefekontakt gibt dem Wein schönes Rüstzeug für ein langes Leben – entsprechend viel Zeit braucht er, wenn man ihn jetzt schon „köpft“.

Seine Eigenart zeigt der „Scheiben“ schon im Duft, der anfangs nicht mehr als ein diffuses „gelbfruchtig“ als Beschreibung zulässt. Je länger der Wein im Glas ist, desto mehr Nuancen schälen sich heraus: Zunächst Quitte, dann blanchierte Mandeln, weiße Schokolade und Biskuit („Bananenschnitte“), mit noch mehr Luft gesellen sich zarte Kräuteraromen wie Zitronenmelisse dazu. Diese Verzögerungstaktik setzt sich auch am Gaumen fort, auf einen cremigen Beginn folgt saftige Birnenfrucht und wieder Kräuter, diesmal eher Thymian, die wunderbar lange anhalten. Zumindest bei der Vielschichtigkeit darf man den „Scheiben“ also durchaus für einen Rotwein halten.

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Friday, 24.05.2013, 10:54 Uhr

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Roland Graf
Mag. Roland Graf weiß als Wein-Kenner und Genussspezialist stets, wo der Bartl den besten Most herholt, welcher Winzer Top-Weine keltert und welche Küche gerade begeistert. Und verrät es regelmäßig im WIENER. (Foto: Bami Hoffmann)

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