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Kultur

Schau an!

„Carmen“ bei den Opernfestspielen St. Margarethen: eine Show.

Schicken Sie den unmusikalischen Sprechtheaterkritiker zu Open-Air-Opernfestspielen, und er wird manches auszusetzen haben. Zum Beispiel, dass da so viel Musik ist, dass der Text nicht verständlich ist, und dass Inhaltliches zugunsten von allseits bestaunter und beklatschter Tonhöhenakrobatik vernachlässigt wird. Schicken Sie ihn zu den Opernfestspielen im Römersteinbruch von St. Margarethen im Burgenland, und er wird sagen: Aha! Es wird im ein Licht aufgehen, eine Lichtershow vielmehr, das Spektakel wird sich derart prominent und ungeniert in den Vordergrund drängen, dass er seinen sprechtheatererprobten Widerstand fallen lassen und sich freuen wird.

Robert Herzl hat hier dieses Jahr Georges Bizets „Carmen“ inszeniert und dabei im Prinzip alles richtig gemacht. Lauschwerte werden durch Schauwerte gleichberechtigt ergänzt, die Hauptrolle wurde gleich ganz offiziell der wuchtigen Bühnenkonstruktion von Manfred Waba zugeteilt, die Stadtplatz und Stierkampfarena in einem ist und sich einmal sogar in aller Stille während eines fünfminütigen Umbaus zurechtdrehen darf. Wenn bei einer Oper ehrfürchtig alle den Atem anhalten vor zur Schau gestellter technischer Professionalität, dann gefällt das dem unmusikalischen Sprechtheaterkritiker. Es weist darauf hin, dass man sich hier wirklich darauf versteht, Show zu machen.

Im Anschluss an diesen Umbau vor dem letzten Akt wird auf das Rathaus von Sevilla dann eine digital gebaute Animation projiziert, ebenfalls sehr spektakulär, ein bisschen kitschig, aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf zu zeigen, dass man es kann. Dafür gestaltet man ein UNESCO-Welterbe behutsam zum Theaterraum um, dafür tut man sich das tägliche Zittern ums Wetter an. Damit all das, Steinbruch, Wetter, eingängige Musik, professionelle Menschen und noch viel mehr sich zum Gesamtspektakel ausweiten, bei dem sich der unmusikalische Zuschauer gar nicht mehr langweilen oder befremdet fragen muss, ob er ein schlechter Mensch ist, weil ihm die hohe Kunst eines saftigen Mezzosoprans nicht zum Glück reicht. Weil sein verzauberter Körper seinem Hirn den Mund zuhält.

Dass Regisseur Robert Herzl dann auch noch inhaltlich Denkarbeit vollführt und die Geschichte – was dem Publikum sehr behutsam in der Begrüßungsrede des Intendanten, im Programmheft und in den Aktzusammenfassungen nahegebracht wird – aus dem 19. Jahrhundert in die Zeit des Franco-Regimes verlegt, geht bei so viel geschickt gebautem Wow-Theater fast wieder unter.

Der unmusikalische Sprechtheaterkritiker wird zum geplätteten Erlebnisempfehler. Wenn Sie sich sicher sind, dass das Wetter hält: Fahren Sie hin!

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Tuesday, 21.05.2013, 02:36 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

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