WIENER-Festwochen: Die Top 10
Die Festwochen lassen mich nicht hinein: meine letzte Erfahrung mit ihnen. „Österreicher integriert euch!“, die Aktion der Künstlergruppe God’s Entertainment hat sich an ihrem letzten Wochenende am Meidlinger Platzl aufgebaut. Der Integrationsworkshop ist nur für Österreicher. Mein Schweizer Freund lügt, aber wir dürfen beide nicht rein: zu wenig Integrationsbedarf, zu tolerant, zu aufgeschlossen. Gut für mein Ego, schade für God’s Entertainment, denn die kommen also jetzt nicht in meine Top Ten.
Im Zuge den WIENER-Festwochen gibt es nach abgeklapperten 22 Produktionen nun die Bilanz des fleißigen Theatergängers – das ganze Programm ist nicht gelungen, aber Berichten zufolge scheine ich mit meiner Auslassungspolitik dieses Jahr durchaus einen guten Instinkt bewiesen zu haben. Gewalttätig ging es zu, aber auch poetisch, äußerst österreichisch, aber auch mit einem verstärkten Ausflug in die spanischsprachige Welt, mit mehr Gastspielen als Koproduktionen, also mit Stücken, von denen man zum Zeitpunkt der Einladung bereits wusste, dass sie gut sind! Hier unser Ranking:
Platz 10: „Glaube Liebe Hoffnung“
Die Christoph-Marthaler-Kenner ätzen, der Regiemeister hätte es mal besser gekonnt. Und doch hat er mit seiner ganz eigenen Note dieses traurige Horváth-Drama zur Geltung gebracht: entschleunigt, mit Figuren wie aus einem Tati-Film, mit bezauberndem Humor. Die junge Elisabeth beißt in dem Stück total ab, mit Männern, mit dem Beruf, der Justiz – und nicht einmal das anatomische Institut will ihr ihre Leiche abkaufen.
Platz 9: „Big and Small / Groß und Klein“
Bearbeiter Martin Crimp, Regisseur Benedict Andrews und die australische Truppe rund um Cate Blanchett haben es geschafft, den sperrigen und äußerst deutschen Text von Botho Strauß mit anglophoner Theaterenergie aufzupeppen. Als deutscher Rest ist noch das traumhaft reduzierte Bühnenbild von Johannes Schütz übriggeblieben. Und Cate: sie war einfach zum Niederknien!
Platz 8: „Sobre algunos asuntos de família / Familienangelegenheiten“
Drei Stücke eines kolumbianischen Autors, für sich recht konventionell und an die hysterischen Dramaturgien lateinamerikanischer Telenovelas erinnernd, bekamen dank des Location Managements der Festwochen einen ironischen Dreh. Indem die Minidramen mitten im sozialen Wohnprojekt Kabelwerk gezeigt wurden, kam automatisch die Frage auf, ob diese kolumbianischen Alltagsgeschichten wohl wirklich so übertrieben sind wie auf den ersten Blick.
Platz 7: „Szégyen / Schande“
Ein Hundeleben ist das, in Europa wie in Südafrika, wo der Roman von Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee über einen in Ungnade gefallenen Professor spielt. Mit echten und gespielten Hunden, echt aussehenden Vergewaltigungen und körperlich erstaunlich einsatzbereiten Schauspielern knallt uns Kornél Mundruczó in seiner präzisen Romanbearbeitung die Schande ins Gesicht.
Platz 6: „The Master and Margarita / Der Meister und Margarita“
Simon McBurneys Trupp rockte in diesem Jahr das Burgtheater, geschliffen, akrobatisch versiert, die Videotechnik im Griff. Bulgakows berühmte Satire vom Teufel, der Moskau aufmischt, ist in dieser oberflächlichen, aber wilden Umsetzung bestens aufgehoben.
Platz 5: „Ganesh Versus the Third Reich“
So was hat man noch nicht gesehen. Vier Schauspieler mit intellektuellen Behinderungen und ein nicht behinderter spielen eine Schauspieltruppe, die ein Stück über den Gott Ganesh spielt, der das ursprünglich indische Hakenkreuzsymbol von Hitler wieder zurückgewinnen will. Dabei thematisieren sie ihre eigenen Behinderungen und den verklemmten Umgang der Zuschauer ebendamit. Irre! (Also, nein, so war das jetzt nicht … ach herrje!)
Platz 4: „Krízis – trilógia, III: A papnö / Krise – Trilogie, III: Die Priesterin”
Überraschend scharfer Ausflug der Theaterpädagogik auf die große Bühne. Schülergruppen spielen die wahre Geschichte einer Lehrerin nach, die in einem siebenbürgischen Dorf den von der Kirche klein gehaltenen Kindern Selbstbewusstsein gibt. Árpád Schillings Stück (Teil einer Trilogie, deren Rest man auch noch gerne sehen würde) ist ohne Schnickschnack und doch niemals banal.
Platz 3: „Villa + Discurso / Villa + Ansprache“
Wie verhandelt man die Geschichte des eigenen Heimatlandes (Chile) gegenüber ahnungslosem Gastspielpublikum in Wien? Am besten so wie Guillermo Calderón mit seinen beiden Texten. Die Diskussion einer Jungschar-Arbeitsgruppe (oder so ähnlich) war noch nie so spannend! Die nie stattgefundene Ansprache einer scheidenden Präsidentin auch nicht.
Platz 2: „La casa de la fuerza / Haus der Gewalt“
Angélica Liddell bringt eine gigantische, fünfstündige Wutoper auf die Bühne. Überraschend, berührend, musikalisch bestechend und trotz der Seelenkotze, die dabei laufend abgesondert wird, nie herunterziehend verarbeitet sie einerseits die Gewalt in der mexikanischen Drogenstadt Juárez, andererseits ihre eigene Einsamkeit.
Platz 1: „Conte d’Amour“
Drei Stunden ohne Pause – das geht doch nicht! Doch, wenn man sich stets zu trinken holen darf und die Aufmerksamkeit auch mal abwandert. Hinter einer kaum durchschaubaren Folie macht eine schwedisch-finnische Gruppe das Leben im fritzlschen oder priklopilschen Keller anschaulich. Statt roher Gewalt wir hier eine perfide Liebesgeschichte erzählt. Alle vier Schauspieler (einer spielt den Vater, zwei sind Jungs, ein vierter spielt ein Mädchen) sind so grandios, dass man buchstäblich Angst vor ihnen bekommt.


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