„Retro-Welle“ entlang der Südbahn
Thermenregion sucht den DAC-Star, vernachlässigte Sorten bieten sich an.
Vieles spricht dafür, per DAC-Verordnung auch die Thermenregion aus ihrem Status als ewiger Geheimtipp zu holen. Nur: An den Sorten scheiden sich die Geister. Tattendorfs Domäne St.Laurent/Pinot noir interessiert z. B. die Pfaffstättener wenig, der weltweit einzigartige Rotgipfler wiederum wäre zwar regionstypisch, aber viel zu wenig und konzentriert sich im wesentlichen auf Gumpoldskirchen und Traiskirchen. Salomonischer Vorschlag: Nehmen wir Sorten, die fast jeder Ort hat, aber meist in Cuvées „verschwinden“ oder über die Heurigenschank verkauft werden. Let’s talk about Neuburger, about Blauer Portugieser! Weinbaupräsident Josef Pleil schüttelte letztens den Kopf, zu unterschiedlich wären hier die Niveaus der Betriebe. Da hat er wohl recht, doch schauen wir mal, was möglich wäre. Die aktuelle Sortenweinkost des „Weinforums Thermenregion“ kürte just in den beiden verfemten Sorten zwei würdige Sieger.
Seit 1765 betreibt die Sooßer Familie Hecher Weinbau, mit dem Neuburger 2011 gab man wieder ein kräftiges Lebenszeichen. Papiernüsse und Ringlotte im Duft verheissen fürs Erste noch nicht allzu viel, das typische „Nusserl“ der Sorte kann aber auch der kräftige (13,5%) Alkohol nicht überdecken. Rund um den alkoholisch-kräftigen Kern legt der Neuburger dann aber los: Weisse Schokolade am Gaumen, dazu eine sehr saftig-strahlige Art, ein richtiggehender „Zug zum Tor“, der nicht nur Trinkspaß bereitet, sondern einen geradezu idealen Speisebegleiter ergibt. Übrigens: Für den Preis dieser Flasche bekommt man anderswo gerade ein „Guten Tag“ des Winzers zu hören
In der gleichen Preis-Liga, holt man ihn ab Hof in Bad Vöslau, spielt der Sortensieger unter den „Blauen Portugiesern“. Übel beleumundet und selten im Weinregal zu finden, kann die Sorte weitaus mehr. Seit Jahren gilt Vöslau als Zentrum, fast Gallisches Dorf, das sich für den Portugieser einsetzt. Harald Schachls (Foto) „Granat“ zeigt 2011, wo die Stärken liegen: Kühle Frucht (Weichsel, Zwetschke), zartes Marzipan, Brioche, ja, ein wenig „Allerheiligenstriezel“ liegt in der Luft. Ganz feine Würze unterlegt am Gaumen dann eine runde Wildkirsch-Aromatik und sorgt für einen Wein, den man in seiner kantenlosen Art kaum mehr gewohnt ist. Widerrist kennt er keinen, dafür sorgt er für die – sicher rustikalere – Steinfelder Version eines Nebbiolos, sanft und fruchtig. Hätten wir rote Mittagsweine wie unsere französischen und italienischen Freunde, der „Granat“ wäre ein idealer.
Wer hingegen der Region zum nahe liegenden St. Laurent als DAC rät, für den haben wir auch den entsprechenden Sortensieger verkostet: Georg Schneiders Tattendorfer Laurent Reserve 2009 hat alles, speziell viel Kräuterwürze (Estragon, Liebstöckel), sowohl am Gaumen wie in der Nase. Dazu kommt ein Duft nach Tinte und Kirschkuchen, die Reife des 2009ers ist bestrickend, ein Wein der mit seiner runden und dichten Art fast zum Beissen gemacht scheint. Den ganzen Aromabogen hindurch schimmert die Würze durch, selbst im Rückaroma schimmert noch ein ganzer Kräutergarten durch. Ob mit oder ohne DAC-Status: Um die Zukunft der drei Sorten braucht einem bei diesen Winzern nicht bang sein.
Bezugsquellen:
WG Hecher, „Soosser Neuburger“ 2011, € 5 ab Hof, www.hecherwein.at
WG Schachl, Blauer Portugieser „Granat“ 2011, € 5 ab Hof, www.schachl.at
Georg Schneider, St. Laurent Reserve 2009, € 18 ab Hof, www.weingut-schneider.co.at


Userkommentare