WIENER
Sauers Fahrtenbuch

Psycho Killers

Über die seltsame Wirkung von Automobilen und Motorrädern auf den Gemütszustand ihrer Lenker wurden Bände geschrieben. Hier sei nun die Wirkung der Witterung behandelt. Oder ist die bloß ein typisch wienerisches Phänomen?

Es ist vier Uhr nachmittags. Die Verkehrslawine rollt gemächlich über die Tangente, knapp unterhalb des erlaubten Tempolimits, es geht also was weiter. Ich werde meinen Termin in der Stadt um halb erreichen, so der Verkehrsfluss auf der Stadteinfahrt weiterhin flüssig bleibt. Mit anderem ist schließlich nicht zu rechnen, ausser es unfallt irgendwo.

Raindrops keep falling on my head

Oder aber es beginnt zu regnen. Sofort schleift sich der typische Wiener Autofahrer ein, als wäre ihm ein Elch vor den Kühler gehirscht. Vollbremsungen finden statt, erste Auffahrunfälle passieren, die aus dem Verkehrsfunk bekannten „Schaulustigen“ reissen an den Zügeln ihrer Vehikel. Mit einem Mal steht alles. Stau. Unfall. Blaulicht. Nix geht mehr. Der Kollege, der mit dem Henkel zum Termin fuhr und zehn Minuten nach mir die Redaktion verließ, ist pünktlichst vor Ort. Ich hab den zu treffenden Künstler gerade noch beim Saalverlassen erlebt. Und freue mich auf eine stimmungsvolle, stundenlange Heimfahrt im Schritttempo. Mit knurrendem Magen – das Buffet war freilich längst leergeräumt.

Das Nasse-Fahrbahn-Monster

Wir wechseln gerade von 2011 auf 2012, die Reifenentwicklung ist mittlerweile derart fortgeschritten, dass selbst die ältesten Vulkanisate, die sich um in Betrieb befindliche Autofelgen wutzeln, zumindest im innerstädtischen Bereich genauso gut auf nasser Fahrbahn haften wie auf trockener. Gerade auf Schneefahrbahn ist mit älteren Sommerreifen wohl die Bremssicherheit beeinflusst, aber auch derlei hat im auf durchschnittlich höchstens 30 km/h beschränkte Innenstadt-Tempo kaum Relevanz. Warum also hat es der Wiener Autofahrer im Stammhirn verankert, bei nasser Fahrbahn bloß nurmehr höchstens im Schritttempo dahinzuzuckeln? Wovor hat er Angst? Wer könnte ihm was tun? Verliert man bei Regen stantepede zwei Drittel seiner Zylinder? Ist ein gemütlicher Sommerregen (derzeit nicht lieferbar, gebe ich zu …) mit der Glatteishölle am Polarkreis zu vergleichen? Oder beißt das Nasse- Fahrbahn-Monster einem gar den Frontspoiler weg, wenn man mit mehr als gefühlten 3,5 km/h über es hinwegrollt? Ruhig Blut Freunde und Mitverkehrsteilnehmer: Seid beruhigt. Fahrt einfach ganz normal weiter, wenn es zu regnen beginnt. Auch ein paar Schneeflocken in der Luft sind noch kein Grund dafür, endgültig die Nerven wegzuwerfen. Erst wenn Ihr Eure Karre in der Früh vor lauter Schneehaufen nicht mehr findet, könnt Ihr das rohe Ei hinter das Gaspedal legen, also in den Großstädten höchstens ein, zwei Mal im Jahr. An all den anderen Tagen ist es gefährlicher, nässebedingt dahinzuschleichen, glaubt mir. Vielleicht fahre nämlich gerade ich hinter Euch her, verliere endgültig die Contenance und morphe zu Michael Douglas in „Falling Down“ …

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Tuesday, 22.05.2012, 16:02 Uhr

Autorenprofil Franz J. Sauer

Franz J. Sauer
Der Sauer. Automobilfetischist, Original, Chefredakteur des "Motorradmagazins", Gelegenheitsblogger auf "Zeit im Blog 21".

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