Leit(planken)kultur
Nicht der Weg ist das Ziel, sondern das sinnlose Umeinanderfahren auf allen Wegen. Wer je geglaubt hat, es als Nicht-Autofahrer in der Stadt schwer zu haben, war noch nie länger auswärts.
Es glaubt mir ja keiner – aber ich habe einen Führerschein. Schon mein halbes Leben lang. Als ich aber (nach der dritten Prüfung, bei der ich endlich auch den praktischen Teil schaffte) tatsächlich fuhr, entdeckte ich voller Grauen, wer außer mir noch alles einen Führerschein hat: Wahnsinnige. Desorientierte. Gewalttäter. Der Zeichentrickfilm, in dem der friedliche Goofy sich am Steuer seines Autos in ein zähnefletschendes Monster verwandelte, war keineswegs übertrieben. Ich beschloss also, das Auto bleiben zu lassen und mich dem Konsum bewusstseinsverändernder Substanzen hinzugeben. Vielleicht würde ich so auch diesen Zustand völliger Selbstvergessenheit erreichen, der Motorisierte ergreift, sobald sie das Lenkrad berühren…
In Wien erntet man oft seltsame Blicke, wenn man sich kein Kraftfahrzeug mit zugehörigem Werkstatt-Abo, Park- und Autobahnpickerl hält, sondern sein Geld lieber für Schampus und lockere Weiber ausgibt. Aber eigentlich ist es ja wurscht; schließlich gibt’s auch Tramway, Taxis und Trottoir – obwohl einen dort gern grauhaarige Berufsjugendiche mit ihren Tretrollern zusammenführen. Dort, wo ich jetzt wohne (oder vielmehr oben in den Hügeln), ist statistisch gesehen jeder dritte Lastwagenfahrer; 25 Prozent der männlichen Bevölkerung arbeiten als Automechaniker oder -händler, während ihre Frauen in der Zubehörbranche flauschige Lenkradhüllen verscherbeln; vier Fünftel der hiesigen Gesamtbevölkerung schauen Formel 1; und ca. 30 Prozent besitzen ein Auto, ein Motorrad UND einen Traktor. Das heißt, zusammengefasst: alle außer mir.
Deshalb werde ich auch nur mehr selten als reale Person wahrgenommen. Lerne ich jemanden kennen, dann fragt mich der nach PS und Vierradantrieb, Servolenkung und tiefergelegtem Auspu mit Hyperraum-Booster. Weil ich darauf nichts zu antworten weiß, legt er mir den Kopf auf die Brust und lauscht. Und wenn dann kein Motorengeräusch ertönt, bin ich für ihn nicht gestorben, sondern habe nie gelebt. Unsichtbar sitze ich dann mit den Hügelbewohnern am Tisch und höre zu, wie sie stolz von ihren Unfällen berichten – in einem erotisch aufgeladenen Tonfall, der an den Blech-und-Kunstleder-Fetischismus im Cronenberg-Film „Crash“ erinnert: „Dreimal hab i mi übaschlogn, und dann war i im Graben eiklemmt!“ Wie sie einander leise die Markennamen, Profiltiefen und Druckwerte ihrer neuen Winterreifen zuschnurren. Und ich stelle mir vor, wie sie manchmal, wenn der Ehepartner friedlich schlummert, ihre nackten Oberkörper mit Motoröl einreiben und sich in die Garagen schleichen, die so geräumig sind wie Einfamilienhäuser, um im Dunkeln ihre Autos zu streicheln. Vielleicht habe ich ja doch was versäumt als Autoverweigerer, zumindest sexuell. Oder einfach nur die falschen Drogen genommen…


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