Die schönste Frau von Wien
Das Herz von WIENER-Kolumnist Thomas Glavinic klopft unweigerlich schneller, als er in einem Café eine unendlich faszinierende Frau erblickt. Bis er es wagt, sie anzusprechen, vergeht viel Zeit. Zeit, in der seine Fantasie Pirouetten schlägt. Und schließlich von der Realität brutal gebremst wird.
Neulich in einem Wiener Café: Ich lese Zeitung. Als ich dem Kellner winke, kreuzt mein Blick den einer sehr gut aussehenden jungen Frau. Ich schaue weg und lese weiter. Wie unter einem Zwang schaue ich nach einer Minute wieder auf, sie schaut her, ich schaue weg. Ich versuche mich auf meine Zeitung zu konzentrieren, aber das gelingt mir nun überhaupt nicht mehr. Ich schaue wieder zu der Frau, sie schaut mich an. Ich senke den Blick nicht und warte, was jetzt kommt. Sie senkt den Blick auch nicht. Ich merke, dass mein Herz schneller zu schlagen beginnt.
Diese Frau ist nicht sehr gut aussehend, diese Frau ist wirklich schön. Sie hat einen festen, starken Blick, sie hat dunkles Haar und dunkle Augen, sie hebt mit eleganten kleinen Bewegungen ihre Kaffeetasse oder greift nach ihrem Handy. Ihre Kleidung ist edel und dennoch nicht protzig, die Uhr an ihrem Handgelenk war eindeutig teuer, ist ebenso wenig protzig und passt perfekt zu ihr. Diese Frau strahlt jenes Selbstvertrauen aus, das mit Arroganz nichts zu tun hat. Sie ist sich ihrer selbst bewusst, sie weiß, wer und was sie ist und verlangt dasselbe auch von einem Mann. Gleichberechtigte Partnerin, starke Frau, sexuell unbeschwert und agil. Einer solchen Frau muss man nicht lange erklären, welche Vorlieben man hat, bei so einer Frau gibt es keine Bedenken, die Beziehung könnte sich in Positionskämpfen erschöpfen, denn sie weiß, was sie will, und sucht jemanden, der weiß, was er will. Genau solche Frauen sind es, in die man sich verlieben muss. Man denkt nicht an Sex – oder nicht nur –, man denkt darüber hinaus. Diese Frau könnte es sein, die einem den Glauben wiedergibt, der man vertraut, mit der man alt werden will, mit der man auf der einsamen Insel leben könnte, der man seine innersten Schwächen zu enthüllen wagt, mit der man wüsten Sex haben wird und sich am nächsten Tag beim Frühstück dennoch für nichts schämt, was man in der Nacht an gottlosen Schweinereien veranstaltet hat. So eine sitzt gerade mir gegenüber, keine drei Meter, sollen es vier sein, sie sitzt da und rührt in ihrer Tasse und tippt zuweilen etwas auf ihrem iPad.
Wildheit im Ausdruck
Auf diese Weise vergehen zehn Minuten, zwanzig Minuten, vergeht eine halbe Stunde, eine Dreiviertelstunde. Ich bin zu schüchtern, um sie anzusprechen. Ich gehöre nicht zu denen, die fremde Leute belästigen, und wenn das Balzverhalten aller Menschen meinem gliche, wäre die Menschheit bereits ausgestorben. Es kann sein, dass ich mich lieber verliebe als Sex habe, aber das ist eine andere Geschichte. Ich sitze da und bestelle Kaffee und Mineralwasser und noch einen Kaffee und noch ein Mineralwasser und frage mich, ob ich schon jemals so eine elegant geschwungene Nase gesehen habe, so einen scharfen, durchdringenden Blick, so eine Wildheit im Ausdruck. Nebenbei wähle ich aus dem Menü das Gulasch, denn etwas anderes gibt es kurioserweise um diese Tageszeit nicht mehr auf der Karte. Die Frau und ich, wir wechseln Blicke, ab und zu lächelt einer von uns, mehr passiert da nicht. Als mein Essen kommt, geht die Frau zur Toilette. Bei ihrer Rückkehr sieht sie ein wenig anders aus, der Ausschnitt ist ein weniger tiefer, und ich habe erstmals Gelegenheit, ihre Beine zu sehen. Mir fällt beinahe die Gabel aus der Hand. Die Frau lächelt mir zu, ihre Lippen formen lautlos „Guten Appetit“.
Die Mutter meiner Kinder?
Kein Zweifel, vor mir sitzt die faszinierendste Frau von ganz Wien. Mit roten Ohren esse ich. Ich weiß, dass ich sie nach dem Essen ansprechen werde. Mir völlig egal, ob sie mich abblitzen lässt, ich muss es versuchen. Da drüben sitzt womöglich die Mutter meiner Kinder, und so wie sie mich ansieht, könnte alles, was mit dem Zeugungsvorgang einhergeht, ziemlich viel Spaß machen. Ich schiebe den Teller zur Seite, wische mir gründlich den Mund ab, schaue die Frau erwartungsvoll an, sammle mich, räuspere mich. Aber sie kommt mir zuvor. „Und, kaunn des Gulasch wos? Woars eh ned zach? Do herinn kochens ned so guad aus, find i. Aum Sunnti muasst kummen, da homs a Beuschl.“
Zu mehr als einem starren Nicken bin ich nicht fähig. Nicht nur, was sie sagt, sondern vor allem wie sie es sagt, lässt mich weniger an Zeugungsvorgänge als an eine Quietschente denken. Ich rufe nach der Rechnung. Mir ist meine alte Biologielehrerin eingefallen, der ich die einschüchternde Information verdanke, dass die Vaginas von Enten im Uhrzeigersinn gewunden sind.


Aber Herr Glavinic, mit Ihrer Wortgewandtheit und Ihrem Sprachwitz sollte es doch eine Herausforderung sein, dieser Dame das letzte Damenhafte – eine gepflegte Ausdrucksweise – beizubringen. Irgend etwas muss doch übrigbleiben, wo Sie die Nase (oder ähnliches, weiter südlich angesiedeltes) vorne haben können;-)
An Herrn T.G. (und ähnlichen Typus): Da ist eine wunderschöne Frau im Cafehaus und der Herr G. ist allen Anscheins ein Komplexler. Und hebt innerlich die Schöne in einen noch schöneren Himmel (Das machen alle mindfucker so: die Realität unrealistisch beschönigen, da sie zum Handeln unfähig sind).
Dann nach elendslanger Zeit ist (natürlich!) die Frau die MUTIGE und macht den Kontakt. Mag sein, dass sie wie eine Proletarierin redet oder eine Stimme wie eine Quietschente hat. Und: Unser Komplexler kann sie nun innerlich ABURTEILEN: “Pfui, hättest du nur geschwiegen, du Quietschente. Jetzt ist meine irrealer Traum kaputt. Daher verachte ich DICH!”
Dieser Artikel sagt letztlich nichts über die Frau aus, aber sehr wohl was über die Minderwertigkeit und Lieblosigkeit eine Herrn G. und auch wie Vorurteile und Verachtung entstehen. Als Lektüre empfehle ich “Anleitung zum Unglücklichsein”: Die Geschichte mit dem Hammer!!!!!!!!!!