Apocalypse Wow!
Nehmen Sie sich für nächstes Jahr nichts Großes mehr vor – mit der Menschheit geht es sowieso bald zu Ende. Andererseits gibt es ja gar nichts Schöneres als den Weltuntergang. Speziell für WIENER.
Die letzten drei Fenster am Adventkalender brauchen Sie heuer gar nicht aufzumachen. Und teure Weihnachtsgeschenke können Sie sich auch sparen. Schließlich geht – wie uns zahlreiche Bücher, Artikel und Websites seit geraumer Zeit versichern – am 21. Dezember 2012 die Welt unter. Endlich. Verraten hat uns das der Kalender der längst untergegangenen Maya-Hochkultur, der nach dem Datum der Wintersonnenwende angeblich einfach aufhört. Außerdem soll es an diesem Tag eine sehr ungewöhnliche astronomische Konstellation geben, bei der unsere Sonne, die Erde und alle anderen Planeten des Sonnensystems in Konjunktion zum Milchstraßenäquator stehen. Das kommt nur einmal alle 26.000 Jahre vor und könnte auf der Erde zu allerlei Naturkatastrophen führen, von Erdbeben bis zum Polsprung. Letzteres leugnen die Astronomen natürlich – aber auch nur, weil sie vor 26.000 Jahren noch nicht auf der Welt waren.
Zumindest in Sachen Maya kann eine Expertin Entwarnung geben: „Die Maya kannten mehrere Kalender“, erläutert Estella Weiss-Krejci, Dozentin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. „In der sogenannten Langen Zählung endet 2012 ein großer Zyklus, der das fünfstellige Datum 13.0.0.0.0. trägt – was nichts anderes bedeutet, als dass das 13. B’ak’tun zu Ende ist. Allerdings erwähnen die Maya nirgends, dass an diesem Tag die Welt untergeht. In ihren Inschriften finden sich auch sechsstellige Daten, die über diesen Tag hinausgehen.“
Bunkermentalität
Aber beruhigt uns das wirklich? Sind wir nicht doch besser beraten, wenn wir unser Bankkonto noch schnell bis zum Anschlag überziehen, vielleicht einen ordentlichen Kredit nehmen und eine Weltreise machen, bevor es endgültig kracht? Immerhin scheinen sich auch die Mächtigen dieser Welt darauf einzustellen, dass das Ende nahe ist – sonst hätten sie wohl nicht die „Doomsday Vault“ auf der norwegischen Insel Spitzbergen bauen lassen. Der Bunker mit dem offiziellen Namen Svalbard Global Seed Vault wurde vom Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt in Auftrag gegeben, um dort mehr als 4,5 Millionen Samenproben der wichtigsten Nutzpflanzen der Erde aufzubewahren. Nur für den Fall, dass nach dem Tag X doch noch wer da ist, der Obst und Gemüse braucht…
Berichten zufolge errichten auch Russland, China und die USA wieder atombombensichere Luftschutzbunker für ihre Bevölkerung (oder auch nur für die Regierungsmitglieder), während private Firmen komfortable unterirdische Schutzräume für Wohlhabende anbieten. Anscheinend gibt es doch viele, die den großen letzten Weltkrieg fürchten. Wunder wär’s keines. Presse und Fernsehen schütten uns Tag für Tag mit Angstparolen zu – von „spontanen“ Volksrevolutionen in ölreichen Staaten über den drohenden Kollaps der Weltwirtschaft bis zum Unfug von der Klimakatastrophe. Gleichzeitig taumelt Europa von einer Eurokrise in die nächste und verwandelt sich langsam aber sicher ins Vierte Reich unter deutscher Herrschaft.
Wer solche Medienberichte aber ohnehin nur als Teil einer großangelegten Gehirnwäsche-Kampagne sieht, sucht die „Wahrheit“ in apokalyptischen Theorien, von der biblischen Offenbarung des Johannes bis zum bevorstehenden Eintreffen des Riesenplaneten Nibiru, der sich auf seiner exzentrischen Umlaufbahn bald wieder Richtung Erde bewegen und dort alles Leben auslöschen wird. Da kann man schon das Gefühl kriegen, dass die Welt „auf kan Fall mehr lang“ steht.
„Solche Ängste gab es natürlich schon früher“, sagt der Philosoph und Kulturwissenschaftler Thomas Macho (s. Interview „Puppentheater des Weltuntergangs“ im aktuellen Print-WIENER). „Zum Beispiel vor der ersten Jahrtausendwende – da wurde die weltweite Panik zwar nachträglich überschätzt, aber sie war fraglos vorhanden. Apokalyptische Ängste beruhen aber manchmal auch auf realen Krisen: Im 14. Jahrhundert etwa ist ein Drittel der europäischen Bevölkerung an Pest verstorben, da sind ganze Dörfer verschwunden; das war also für viele sozusagen ein ,erlebter Weltuntergang‘.“
Katerstimmung
Wenn die erwartete Katastrophe ausbleibt, verfallen manche Apokalyptiker in lebensgefährliche Depressionen. Man denke nur an die amerikanische Heaven’s-Gate-Sekte, die fest daran glaubte, dass der 1997 zuletzt sichtbare Komet Hale-Bopp ein „Recycling“ der Erde ankündigte und ein mitreisendes UFO voll gütiger Außerirdischer sie rechtzeitig abholen würde. Als sich die Aliens nicht meldeten, beschlossen Sektenchef Marshall Applewhite und 38 seiner Anhänger, kollektiv Selbstmord zu begehen, damit wenigstens ihre Seelen mit dem Raumschiff abfliegen konnten.
Christliche Gelehrte, Mönche und Päpste halten da schon eher durch. Sie verkünden seit dem Tod Jesu immer wieder neue Termine für den Übergang ins Paradies – sei es, weil Mariä Verkündung und Karfreitag auf denselben Tag fallen (992 n. Chr.), der Heiland nach 40 Generationen wiederkehren soll (1260) oder Martin Luther einfach das Gefühl hatte, dass es nicht so weitergehen kann (1532, 1538 & 1541). Wenn das ersehnte Ereignis nicht eintritt, wartet man halt einfach noch ein paar Jahrzehnte oder Jahrhunderte – so wie die Zeugen Jehovas, für die die Welt seit 1874 alle paar Jahre ihrem absoluten Ende entgegentaumelt. Seit 2000, als es damit wieder einmal nicht klappte, geben die Zeugen keine öffentlichen Prophezeiungen mehr ab. Dafür gibt es genug andere, von Hellsehern bis zu Pseudowissenschaftlern, die unsere Lust am Untergang immer wieder neu anfachen. So soll es etwa laut NASA bereits am 22. September 2012 eine derart heftige Sonneneruption geben, dass der daraus resultierende elektromagnetische Puls die gesamte Elektronik auf unserem Planeten lahmlegen und den Tod von Millionen Menschen verursachen wird. Sollten die eingangs erwähnten Maya doch nicht recht behalten, brauchen wir übrigens nur ein paar Monate oder Jahre zu warten: Für 2013 hat der niederländische Astrophysiker Piers van der Meer eine Explosion der Sonne vorhergesagt; 2014 soll laut seinem russischen Kollegen Khabibullo Abdusamatow eine neue Eiszeit beginnen; für 2016 kündigt der US-Klimaforscher James Hansen ein Abschmelzen aller Gletscher mit anschließender Überflutung aller Kontinente an. Und wenn nicht? Dann ist das auch nicht das Ende der Welt …









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