Yes, we leak!
Wikileaks röchelt. Openleaks kann gar nichts. Austroleaks? Naja. Wenn die Flamme der Hoffnung zum Teelicht mutiert, muss man sich Verbündete suchen: WIENER-Kolumnistin Nicole Kolisch hat WIENERIN-Chefin S.M. Steinitz gefunden. Hier ist das Ergebnis.
Was bisher geschah: Es sieht schlecht aus für das gallische Dorf. Fischhändler Assange und Dorfschmied Domscheit-Berg haben sich zerstritten, das Rezept für den Zaubertrank, ein 58-Buchstaben-Passwort, ist durch die Eitelkeit eines Geschichtsschreibers den Römern in die Hände gefallen. Erstmals erwächst tatsächlich Gefahr für die Verbündeten der Gallier, vielfach wird gemutmaßt, das Ende des Widerstands wäre nah: Wikileaks ist tot. Ist das Experminent deshalb gescheitert? We don’t think so.
Was hat WikiLeaks bis jetzt bewirkt? Unter anderem, dass Journalisten ihre Ideale hinterfragen und sich auf ihre Wurzeln besinnen. Dass Investigativjournalismus bei Jugendlichen plötzlich als Berufswunsch auftaucht. Dass Herr Kovacs aus dem Facility Management weiß, was “Whistleblowing” ist. Dass Menschen ihre eigene Verantwortlichkeit für den Zustand der Welt erkennen. Und auch wissen: Das bloße Aufzeigen von Missständen allein bedeutet noch nicht ihre Beseitigung, sondern nur den ersten Schritt zur Veränderung. Und vielleicht studieren Cable-Süchtige künftig auch mal den Politikteil ihrer Tageszeitung…
Ob allein Computergeeks die Welt verbessern können, dürfen wir getrost verneinen. Der Zickenkrieg, den WL-Gründer Julian Assange und sein ehemaliger Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg einander seit Monaten liefern, beweist: People are people.
Aber wir brauchen die Techies und Nerds, die oft anonymen, ungehobelten Hacktivisten, die per Tastatur die Welt aufmischen..
Wir brauchen Wikileaks als etablierte, weltweit bekannte Marke. Mag sein, nicht in Österreich. Hier funktioniert das System Klenk-Kuch und lässt neuerdings die Worm’sche Tradition wieder aufleben. Aber in Staaten wie China und Indien – Staaten, deren Bedeutung unsere bald übersteigen wird. Denn wo die Publikative nicht als Kontrollorgan, sondern als Hofberichterstattung dient, wird eine weithin sichtbare Anlaufstelle der Wahrheitsfindung unumgänglich.
Gegen WikiLeaks als globale Whistleblowing-”Marke” spricht der autokratische Führungsstil Julian Assanges. Und sein tief verwurzeltes, gegen Autorität per se gerichtetes Wesen, das nicht zwischen “guter Führung” und “böser Diktatur” unterscheidet. So what? Auch Sigmund Freud galt bei Zeitgenossen als umstritten. Sein Pioniergeist hat manchem Patienten mehr geschadet als geholfen. Dennoch hat seine Psychoanalyse unsere Welt bleibend verändert. Klar, vieles, was Freud anfangs behauptete, ist längst wiederlegt. Aber seine Rolle in der Schaffung eines neuen Bewusstseins für das Unterbewusste erkennt man heute rückhaltlos an.
Die Rolle Assanges in der Schaffung eines neuen Bewusstseins für kollektive Verantwortung mag dereinst ähnlich beurteilt werden. Oder auch nicht. Das ist egal: Der Ball liegt ohnehin bei uns.
Julian Assange in der WIENERIN:








Chapeau die Damen Kolisch/Steinitz!
Was für eine messerscharfe, wahrhaftige und kämpferische Analyse.
Das gallische Gleichniss finde ich in gleicher Weise amüsant wie treffend.
Hinschauen finde ich in der Regel zwar anstrengender und verbraucht in der Regel auch mehr Nerven, aber wo enden wir, wenn das Wegschauen zu Normalität wird.
Und wenn so mancher IT/WEB-Nerd auch nur 1 digitaler Stachel im Fleisch der Mächtigen sein sollte, so hat er doch eine wahr Daseinsberechtigung.
In diesem Sinne, möge uns der Himmel nicht auf den Kopf fallen!