WIENER
Bühne

The glory days are over

Corinne Eckenstein bleibt jung dabei, wie sie im Dschungel Wien Benedict Thills seltsam nostalgisches Thrillical „Die Wette“ auf die Bühne bringt.

Ein slicker Anzugträger mit Kohle, der gar nicht versucht, seine Gönnerhaftigkeit unter Kontrolle zu bringen; ein dick bebrilltes Mauerblümchen, das seit Schulzeiten mit dem klein gewachsenen Pornodarsteller zusammenwohnt und eines dieser Dreißigerabkommen mit ihm hat („Wenn wir dreißig und single sind, heiraten wir“), obwohl zwischen ihnen viel knistert, aber noch nie was gelaufen ist; dann der Kost-nix-Laden-Mitarbeiter mit ganz kleinen Augen vom vielen Drogenkonsum: ein anarchischer Urwiener, der den Hippie-Traum verbrämt alleine träumt, weil alle anderen leider ein bisschen rausgewachsen sind; und seine aktuelle Lady, Katie Oh, Amerikanerin: Das heterogene Personal dieser neuesten Produktion der Schweizer Regisseurin Corinne Eckenstein, der im Dschungel Wien aktuell eine Retrospektive gewidmet ist, erklärt sich durch das bewährte Ensemble des Eckenstein-Teams, dem Autor Benedict Thill sein neuestes Stück „Die Wette“ auf den Leib schrieb.

Nach der melancholisch-verspielten Raymond-Carver-Paraphrase „Schwimmer im Treibsand“ und der Fußball-WM-assoziativen Collage „Fieberträume“ hat der seit seinem 15. Lebensjahr schreibende Thill sich für den Dschungel Wien, das Theaterhaus für junges Publikum diesmal gleich an zwei Genres versucht, oder sagen wir drei: Formal ist „Die Wette“ ein Musical (in „Elisabeth“-Tonlage), inhaltlich ein Thriller (mit „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“-Grusel) und thematisch ein Abgesang auf die Jugend und die damit verbundene Freiheit. Das zehn Jahre nach Schulabschluss zusammenkommende Freundesteam gibt sich noch einmal zusammen einer Koksorgie hin, was sie in der Folge freilich eher entfremdet als zusammenbringt. Anlass ist das Wiederauftauchen eines tot geglaubten Freundes, der vor zehn Jahren auf Grund einer Wette mit dem Auto über einen zugefrorenen See fuhr, einbrach und – scheinbar – nie wieder gesehen ward.

Ja, auch die Tiere des Dschungels werden älter und gesetzter: Stephan Rabl, der das Haus vor sechs Jahren gründete und seitdem prägt, erhält 47-jährig einen Preis für sein Lebenswerk; altgedienten künstlerisch Mitwirkenden werden Retrospektiven gewidmet, und auch den zu Zeiten von „Schwimmer im Treibsand“ 2007 gerade maturierenden Thill interessieren mittlerweile natürlich andere Themen als damals. The glory days are over, das ist uns, die wir gegen Dreißig gehen, allzu schmerzlich bewusst. Ob das wirklich junge Publikum das hören will, steht auf einem anderen Blatt. Der Thill-Thrill will sich nicht so recht entfalten.

Die Regisseurin freilich geht hiervon erfrischend unbekümmert an die Sache ran. Ihre niemals versiegenden Inszenierungsideen geben den Schauspielern Schwung und sorgen dafür, dass sie nie Gelegenheit haben, allzu genau über das inhaltliche Chaos nachzudenken, in dessen Mitte sie sich befinden: Sehr körperorientiert choreographiert Eckenstein an im Raum verteilten funktionalen Autoteilen entlang, was dem Abend Energie und den Akteuren Raum verschafft, ihre sehr unterschiedlichen Figuren ansehnlich auf die Spitze zu treiben.

Besonders Alexandra Ava Koch und Helge Salnikau sind ein entzückendes Paar. Schade, dass eine überraschende Wende der Handlung am Schluss ihre Szenen im Nachhinein in ein etwas weniger identifikationsfähiges Licht taucht. Richard Schmetterer ist rührend darin, wie sein freiwillig vegetarischer, unfreiwillig als Fleischer arbeitender Charakter das Herz am rechten Fleck hat, und zwar wider alle Verkopftheit um ihn herum. Yap Sun Sun und Manuel Löwensberg, deren Figuren gewissermaßen die Handlungsebene vorantreiben, erstarren tapfer in einer gewissen Rätselhaftigkeit.

Das Premierenpublikum schaute bei manchem Songexzess (Musikalische Leitung: Sue-Alice Okukubo) verschämt zur Seite, runzelte bei dramaturgisch unglücklichen Entscheidungen in einer viel zu viel wollenden Geschichte, sah aber den Schauspielern gerne zu, verzieh am Ende auch Schwierigkeiten mit der Tonpegelung und jubelte hemmungslos. So jung komma nimma zam.

v.l.n.r.: Helge Salnikau, Manuel Löwensberg, Yap Sun Sun, Richard Schmetterer, Alexandra Ava Koch

„Die Wette“ von Benedict Thill, Regie: Corinne Eckenstein. Mit Manuel Löwensberg, Helge Salnikau, Richard Schmetterer, Alexandra Ava Koch, Yap Sun Sun. Weitere Vorstellungen: 24., 25., 26., 28. und 29. November 2011 sowie im Januar 2012.
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Tuesday, 22.05.2012, 15:45 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

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