Santé, gelbe Witwe!
Wir champagnisierten ohne besonderen Anlass – weil’s schmeckt und der Statistik hilft
Um im 18. Jahrhundert als Frau ein Agrarunternehmen zu leiten, bedurfte es wohl besonderer Qualitäten. Die dürfte Witwe Nicole-Barbe Clicquot im Übermaß besessen haben und so definierte sie nicht nur Emanzipation lange „avant la lettre“, sondern kelterte den ersten Rosé-Champagner und erfand das Rüttelpult. Doch nicht die historischen Verdienste, sondern der gegenwärtige „Senior Winemaker“ des Reimser Traditionshauses bringen mich auf das Thema. Cyril Brun gastierte nämlich in Wien und zwei Tage kostete ich brav, was er einschenkte.
Generell lagert das Haus Veuve Clicquot seine Champagner deutlich länger als die gesetzlich geforderten 15 Monate auf der Hefe, was sich in einer schönen Perlage niederschlägt, die die Zeit gut überdauert. Nachzuprüfen war das etwa beim Rare Vintage 1988: Anfangs leichter Alterston, der an Zwiebelsuppe erinnert, später auch Brioche und Apfelschale im Duft. Die jugendliche Säure überrascht daher umso mehr, nussige Aromen und auch Christstollen kleiden den Gaumen aus.
Was im Bereich der jüngeren Jahrgangschampagner möglich ist, demonstrierte dann ein Vergleich des weißen Vintage Brut sowie der Rosé 2004 und 2002. Spektakulär fallen die – gewollten – Unterschiede der beiden Jahre aus: Sellerie und Kumquats (2002) stehen als deutlich reifere Düfte der mineralisch unterlegten Limette und der Holunderblüte des 2004ers gegenüber. Der lagerfähigere Vintage Brut 2002 wird definitiv noch viel Freude bereiten.
Als Favorit kristallisierte sich aber der 2004er Rosé-Champagner (100% Pinot Noir) heraus, vielleicht weil es der „weinigste“ Champagner der Probe war: Der Geruch von Himbeer-Zuckerl und Zitronenmelisse strömt aus dem Glas, spontan fällt einem der legendäre „Paiper“ ein. Am Gaumen begleitet schöne Säure den Geschmack nach Walderdbeere mit einem Hauch Minze, tolle Balance!
Was immer persönlich besser mundet, man sollte es viel öfter trinken. Denn die Statistik in Sachen Schampus ist geradezu beschämend, verriet M. Cyril zwischen zwei Beruhigungsschlucken: Gerade einmal ein Glas Champagner (10 cl) trinken Herr und Frau Österreicher. Pro Jahr, wohlgemerkt. Frankreich hält bei 12 Litern und benötigt dazu 70% der gesamten Produktion allein für den Heimmarkt.
Bezugsquelle:
Veuve Clicquot Rosé Vintage 2004, € 54 bei www.delfabro.at
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