Mit Dämonen leben
Der neue WIENER-Kolumnist im Porträt. Über seinen Hang zu Müßiggang und Lasterhaftigkeit, seine Zeit als Taxifahrer und seine altmodische Art, Bücher zu schreiben. Und warum er nach vielen von Albträumen geplagten Jahren jetzt endlich ruhig schlafen kann.
Lag Klein-Thomas unter dem Weihnachtsbaum und dachte sich: „Lieber Gott, bitte mach einen Schriftsteller aus mir.“ Der Siebenjährige hatte zu Heiligabend Huckleberry Finn geschenkt bekommen und binnen weniger Stunden ausgelesen. Sein Gebet wurde erhört, der Traum Wirklichkeit. Freilich kamen mit den Jahren noch andere Berufswünsche hinzu: Rennfahrer, Pilot, Offizier, Lehrer. Mit 17 Jahren stand für Thomas Glavinic aber endgültig fest: Ich will Schriftsteller sein. Fixe Bürozeiten schreckten den Sprössling eines kroatischen Gastarbeiters und einer Grazer Beamtin ab. Die Schule interessierte den intelligenten Schüler nur mäßig. Auch der Deutsch-Unterricht lähmte ihn. Er frönte dem Schreiben lieber zu Hause.
Im Interview mit dem WIENER erzählt der Autor von „Wie man leben soll“: „Stubenhocker war ich trotz Schreiben am Abend keiner. Ich hatte mit 15 das Glück, meine Entschuldigungen selbst schreiben zu dürfen. Das hatte allerdings 1.200 Fehlstunden in drei Jahren zur Folge. In die Schule bin ich nur gegangen, wenn ich Lust dazu hatte. Ich hatte immer schon einen Hang zu Müßiggang und Lasterhaftigkeiten. Oft hab ich die Nacht über geschrieben und bin danach für ein paar Stunden in die Schule gefahren. Wir hatten Roten Musketier in der Klasse gebunkert. Es war eine angenehme Zeit, aber gelernt habe ich nicht viel, meine Allgemeinbildung habe ich mir im Wesentlichen danach angeeignet.“
Die ersten Schreibversuche
Mit 17 Jahren versuchte sich Thomas Glavinic an seinem ersten Roman. Das Manuskript existiert heute angeblich nicht mehr. Er wolle sich nicht dauer-depressiv stimmen, wenn er den Entwurf tagtäglich sähe. „Mein erster Roman handelte natürlich vom sensiblen Helden und der bösen Welt. Nach zwei Monaten war mir aber dann doch klar, dass das nicht das größte Meisterwerk ist. Ich habe ihn frohgemut in die Ecke geworfen und mit einem neuen begonnen.“ In den darauffolgenden Jahren entstanden noch sechs bis sieben handgeschriebene Romane: „Das sollten auch gleich 1000-Seiten- Monster werden, weil ich solche Monumentalwerke wie ,Der Mann ohne Eigenschaften‘ schreibe wollte. Leider hat das nie so recht geklappt, spätestens ab Seite 150 war mir klar, dass das eher eine dünne Suppe ist.“
Die Eltern sahen den ersten Schreibversuchen mit Argwohn entgegen. Ein arbeitsloser Akademiker hätte noch eher in ihr Weltbild gepasst als ein Schriftsteller. Mit 20 hielt sich der damals noch erfolglose Schriftsteller als Taxi-Fahrer über Wasser. An schlechten Tagen seiner Zwölf-Stunden-Schicht fuhr er um zwei Uhr Früh nach Hause, schrieb zwei Stunden und setzte sich danach wieder hinter das Lenkrad, um Nachtschwärmer und Geschäftsleute aufzusammeln. Als hart empfand er die Arbeit für ein Meinungsforschungsinstitut – die Omis wollten allzu gern dem Burschen ihre Lebensgeschichte aufs Aug’ drücken.
Vom Schreiben leben können
1998 war es endlich so weit – sein Debüt-Roman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ über den Kampf zweier Schachspieler erschien. „Ich bin ein Schriftsteller, der zwar nicht autobiografisch schreibt, aber über wesentliche Motive seines Lebens. Mit 20 hat man einfach zu wenig Lebenserfahrung und ist als Mensch noch nicht so weit, um Romane schreiben zu können.“ Schreiben ist für Glavinic nichts Selbstverständliches, sondern schwere Arbeit. Dank Stipendien konnte er, nun als 26-Jähriger, mit Ach und Krach vom Schreiben leben. Der junge Mann hatte plötzlich einen Namen, der Auftrag für einen zweiten Roman kam herein. Und genauso schnell wie gejubelt wurde, kam ein herber Rückschlag. Das Buch „Herr Susi“ stieß auf wenig Gegenliebe seitens der Kritiker. Zu Recht, meint heute der Autor. „Ich habe relativ bald gewusst, dass ‚Herr Susi’ kein gutes Buch ist. Aber es gab nun mal den Vertrag für einen zweiten Roman, und weil ich damals weder die Substanz noch die nötige Erfahrung für das zweite Buch hatte, habe ich mir eben diese Fußballgeschichte ausgedacht und bin damit gescheitert. Der ‚Kameramörder’ hat mich aus dieser Situation gerettet. Die Geschichte habe ich geträumt und in sechs Tagen niedergeschrieben.“ Im Hardcover verkaufte sich das Buch nur 1300 Mal. Erst in den Jahren darauf verkaufte es sich tausendfach. Kritiken über seine Bücher liest der Schriftsteller heute keine mehr. Es sei schwierig, ein besprochener Mann zu sein.
Präzisionsarbeit auf der Schreibmaschine
Sofern Thomas Glavinic nicht über seine Verhältnisse lebt, was er als Mann der Extreme gerne tut, quälen ihn heute keine Geldsorgen mehr. Im Sommer erschien sein neunter Roman, am zehnten schreibt er bereits auf seiner Olivetti 23. Wäre ein Laptop nicht viel bequemer? Glavinic: „Ich überlege auf meiner Schreibmaschine sicher dreimal länger an einem Satz, als wenn ich ihn auf dem Laptop schreiben würde. Am Laptop hätte ich im Hinterkopf, ich könnte diesen noch nicht perfekten Satz ja später verbessern. Das ist aber nicht gut, so darf man nicht arbeiten. An meiner uralten Schreibmaschine ist es eine ziemliche Mühsal, in die Tasten zu hämmern, da denkt man sowieso länger nach.“ …








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