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Meine Familie

WIENER-Kolumnist Dirk Stermann kramt in seinen Erinnerungen. Und überrascht uns mit erschütternden Erkenntnissen – einem Kaiserschnitt im Doppelpack, einer Mutter mit ungewöhnlichem Interesse an Waschlappen und einem Vater, der lieber Sexual- als Sozialdemokrat war.

Anlässlich meines neuen Kabarettprogrammes „Stermann“ werden die Stimmen lauter, die mich wie Karel Gott bei Biene Maja umsäuseln, mit der immer gleichen Aufforderung: „Stermann, erzähle uns von dir!“

Also gut. Viel weiß ich nicht. Mein Großvater Herrmann Stermann war bis zu seinem Tod Trucker. Er war fast 90 und ist noch mit hochgefährlicher und explosiver Ladung durch Europa gebrettert. Er hat den Fahrtenschreiber manipuliert, so musste er nicht die vorgeschriebenen Pausen machen. Aber irgendwann fing’s an, dass er ständig aufs Klo musste. Er ist dann zum Urologen gegangen.

Im Ultraschall hat man riesige Blasensteine gefunden. Richtige Blasenbrocken, die man mit einem Presslufthammer hätte zerstören müssen, aber versuchen Sie das mal im Genitalbereich. Jedenfalls wurde es nicht deutlich besser nach der OP. Für meinen Großvater hieß das, dass er die Währung gewechselt hat. Er ist von Euro auf die Toilettenvoucher von den deutschen Autobahnklos Sanifair umgestiegen. Klogutscheine. 70 Cent kostet ein Voucher, dafür darf man einmal pinkeln und sich dann für 50 Cent was in der Raststätte kaufen. Als mein Großvater starb, haben wir Toilettenvoucher im Wert von 25.000 Euro zwischen seinen Windeln gefunden.

Ich selber war ein Kaiserschnitt. Ich wurde während eines Fußballspiels geboren. Pokalfinale Bayern München – MSV Duisburg. Es wurde live im Fernsehen gezeigt und meine Mutter bestand darauf, dass ein Fernseher in den Kreissaal gestellt wurde. Sie liebte Franz Beckenbauer, weil der so elegant spielte. Immer mit dem Außenrist, immer mit Effet. Sie nannte das den „Kaiserschnitt“.

Das Spiel stand auf des Messers Schneide. Meine Mutter fieberte mit. Und dann, in der 87. Minute des Spiels kam ich. Meine Mutter versuchte noch, mich wieder zurückzudrücken, aber die Ärzte hatten mich schon gesehen. Sie ist noch heute sehr sauer auf mich, weil sie die letzten drei Minuten des Spiels wegen mir versäumt hat. Ich bin seit damals MSV Duisburg-Fan. Duisburg- Fan zu sein, das ist so, als wär’ man der optimistische Vater eines adipösen Kindes beim Schulsportfest.

Sie ist eine tief religiöse Frau. Fußballfan und erzkatholisch. Sie sagte einmal mit Tränen in den Augen: Dirk, wie furchtbar, denk dir nur, Jesus ist an einem Freitag gestorben. Ja, Mama, an einem Karfreitag sogar, sagte ich. Und was heißt das, fragte mich meine Mutter? Das heißt ja, er konnte Samstags die „Sportschau“ gar nicht schauen! Ich tröstete sie dann: Mama, hör auf zu weinen. Er ist doch Montags wieder auferstanden, dann konnte er sich immer-hin noch den „Kicker“ kaufen und alles nachlesen! Wie denn, schrie sie mich dann an. Am Ostermontag ist Feiertag, da erscheint der Kicker nicht!

Meine Mutter war auch Psychotherapeutin. Beckenbauer- und Freud-Fan. Jeden Morgen musste ich beichten, was ich geträumt hatte. Wenn ich von Bleistiften oder Zucchinis geträumt hatte, galt das als verdächtig. Unterleib und Unterbewusstsein, das war ihr Ding. Also eigentlich war mein Ding ihr Ding. „Das männliche Glied findet symbolisch Ersatz durch Dinge, die ihm in der Form ähnlich sind.“ Diesen Freud-Satz hat sie verinnerlicht. Sie hat in allem ein Phallussymbol gesehen. In meinem Wick–Nasenspray, dem Handstaubsauger und je älter mein Vater wurde sogar im Waschlappen.

Mein Vater hat sie oft betrogen, vielleicht deshalb. Der war in der SPD, aber im Grunde kein Sozialdemokrat, sondern eher ein Sexualdemokrat, der hat mit jeder Genossin geschlafen. Orgasmus mit menschlichem Antlitz, das war seine Vision.

Mein Bruder lebt in Mexico City. Dort sind die Gehsteige sehr verdreckt, deshalb gibt es jetzt eine Anordnung der Stadtverwaltung: Man darf Kaugummis nicht mehr auf die Straße spucken, sondern muss sie runterschlucken. Liebe Wiener Hundebesitzer, das wäre doch auch was für unsere Städte! Man könnte aber natürlich auch Blinde nehmen, um die Stadt sauber zu halten. Man spitzt deren Blindenstöcke einfach nur an und auf den Straßen ist weniger Müll. Im Blindenheim macht dann irgendein Zivi einfach den Müll vom Stecken ab. So kann man Blinde prima in die Gesellschaft integrieren. Für Blinde gibt es eigene Blindenhunde. Für Sehende gibt es aber nichts besonderes, hundemäßig. Am ehesten Seehunde. Aber die haben mit meiner Familie beim besten Willen nichts zu tun.

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Tuesday, 22.05.2012, 15:39 Uhr

Autorenprofil Dirk Stermann

Dirk Stermann
1965 in Duisburg geboren, seit 1987 in Wien, Kabarettist, Radiomoderator und Autor. Arbeitet seit 1988 für den ORF und ist seit 1990 eine Hälfte des TV-Duos Stermann und Grissemann.

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