WIENER
Feature

Im Rausch der Tiefe

David Cronenbergs Film „Eine dunkle Begierde“ erzählt die wüsten Anfänge der Psychoanalyse. Der WIENER hat den Report zu einem Meisterwerk, das uns atemlos macht.

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Eigentlich geht es in „Eine dunkle Begierde“ gar nicht so sehr um Sigmund Freud. Es geht um C. G. Jung und natürlich um dessen mutmaßliche Affäre mit seiner Patientin – und späteren Kollegin – Sabina Spielrein. Aber Professor Freud war viel zu übermächtig, sich seiner Bedeutung zu bewusst, um je irgendwo nur eine Nebenfigur zu sein. Und so nimmt der in der Berggasse mit Frau und sechs Kindern lebende und praktizierende Begründer der Psychoanalyse auch in diesem Film einen beträchtlichen Platz ein, in der süffisanten Darstellung von Hollywood-Star Viggo Mortensen.

Abgesagt hatte zuerst ein anderer, der der Filmfigur garantiert noch extra Wiener Charme verliehen hätte: Christoph Waltz. „Das hätte ich mir sehr gut vorstellen können, nach der Leistung in ‚Inglourious Basterds’“, meint eine, die es wissen muss: Inge Scholz-Strasser, Direktorin des Sigmund-Freud-Museums.

Großer Viggo, kleiner Sigi

„Aber er hatte wohl Angst, auf die Wiener-Rollen abonniert zu werden, denn so viele Wiener gibt es aus Hollywood-Sicht dann doch wieder nicht“, schätzt Peter Nömaier, Pressereferent des Museums, dem – als weiterem Experten – Mortensens Arbeit doch gut gefällt: „Schon als ich ihn bei uns im Haus gesehen habe, war ich ganz beeindruckt, wie gut er dem entspricht, was man sich unter einem lebendigen Freud vorstellt: immer eine kleine Stufe zwischen sich und Jung bauend. Das hat er sehr gut erwischt – obwohl Mortensen wesentlich größer ist als Freud.“ Dabei zeigt er auf zwei alte Gruppenfotos im Freud-Museum, eines mit dem kleinen Arzt in der ersten Reihe und ein zweites, auf dem er weiter hinten in der Mitte steht und wesentlich erhabener wirkt. Das mit der Stufe ist also nicht nur metaphorisch zu verstehen …

Während das Schweizer Arbeitsumfeld der Hauptfigur C. G. Jung (Michael Fassbender) wegen der viel zu modernen Stadt rund um den Zürichsee nicht an Originalschauplätzen gedreht werden konnte (man wich auf den Bodensee aus), bedurfte es in Wien eines verhältnismäßig geringen Aufwands, um eine Situation wie um 1907 herzustellen, als der eifrige Jung erstmals mit seinem Vorbild Freud konversieren durfte.

Neben dem Café Sperl und dem prachtvollen Park vor dem Belvedere war es Regisseur David Cronenberg wichtig, auch bei Freud daheim vorbeizuschauen. Es ist nicht dass erste Mal, dass in der Berggasse 19 ein Filmteam zu Gast war. „Wir sind es mittlerweile gewöhnt“, schmunzelt die Direktorin. „Etwa einmal im Jahr kommt eine Anfrage. Darüber freuen wir uns natürlich, denn es gibt so wenig Originalschauplätze auf der Welt, wenn es um Wissenschaftler geht.“ Hier wurde die Szene gedreht, wo Jung und seine Frau mit der Kutsche ankommen und Freud ihnen im Stiegenhaus die Hand schüttelt. „Das war’s, hat aber mehrere Wochen Vorbereitung erfordert“, berichtet Nömaier. „Bei uns wurde alles abgeklebt, auf den alten Stand zurückversetzt, auch das Haus gegenüber wurde vollkommen neu bemalt und in eine Farbe rückgeführt, wie sie damals ungefähr war. Ich weiß nicht, wie oft Viggo Mortensen dann die Treppe rauf und runter gegangen ist!“

Freuds Arbeits- und Ordinationszimmer wurden dank lückenloser Fotodokumentation im Studio nachgebaut. Inge Scholz-Strasser war ihrerseits vor allem von der Aura David Cronenbergs beeindruckt: „Mir ist selten ein so konsistenter Mensch entgegengetreten. Es hat ihn vor allem der Blick aus dem Fenster in die Berggasse interessiert. Das ist aber auch etwas sehr Spannendes, denn es gibt ein berühmtes Foto dazu: Freud, kurz vor der Emigration, wie er aus diesem Fenster schaut.“

Emigration mit Couch

Wie viele Juden war die Lage für Sigmund Freud in Wien in den Dreißigern angespannt. Da er schon einen gewissen Namen hatte, wurde ihm die Emigration mit Sack und Pack, also der kompletten Familie und seinem gesamten Mobiliar, von einer Freundin erleichtert. Wehmütig verließ der bereits alte und kränkelnde Arzt Wien Richtung London. Dort starb er ein Jahr später. Auch in seinem Londoner Domizil ist heute ein Freud-Museum eingerichtet, wo übrigens unter anderem die berüchtigte Couch im Original steht. Versuchen die Wiener Kollegen, sie wieder zu bekommen? Peter Nömaier schüttelt den Kopf. „Freud ist ja nicht aus Lust und Laune nach London gegangen und hat alle Möbel mitgenommen. Es wäre unangebracht, würden wir uns seine Sachen alle wieder aneignen wollen. Aber wir überlegen, als Hinweis auf seine Flucht, uns um den originalen Transportschein der Spedition zu bemühen und den auszustellen.“

Bevor sich die „Redekur“ etablierte, arbeitete auch C.G. Jung (M. Fassbender) in der Schweiz mit heute obskur wirkenden Messgeräten.

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Webtipp: www.freud-museum.at
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Tuesday, 21.05.2013, 17:37 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

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