Ein Platz im Himmel
Von Organza über Wickeln aus Frischhaltefolie - was manche unter Mode verstehen, muss ich erst einmal emotional verarbeiten: Traumabewältigung in Kolumnenform.
Eine Woche in der Hölle eines Moderedakteurs startet kurioserweise mit einer Party. Viele Bekannte, Smalltalk, Alkohol – da ist die Welt also noch in Ordnung. Ausnahmsweise habe ich nicht am Morgen, sondern am Nachmittag danach das Aufstehen bereut. Von 15 bis 22 Uhr präsentierten heimische Designer, was sie sich unter Mode vorstellen. Eine Woche lang, jeden Tag die selbe Prozedur mit neuen optischen Grausamkeiten im Stundentakt. Dazwischen gerade genug Zeit für eine Zigarette. Ich bin während der Zeit übrigens zum Kettenraucher mutiert. Erstens aus verständlichem Todeswunsch nach den Shows und zweitens, weil es während des temporären Schockzustands die Gelegenheit gibt, um höfliche Worte für das Martyrium zu finden. Es erfordert viel Courage solche Fetzen überhaupt einem Publikum zu präsentieren.
Die Beschreibung “Fetzen? bezieht sich übrigens wirklich auf die Verarbeitung. Nur weil man eine Nähmaschine neben den Fernseher ins Wohnzimmer stellt und seine Wohnung fortan als Atelier bezeichnet, ist man noch lange kein begnadeter Designer. Eine Grundvoraussetzung wäre zum Beispiel, dass man diese auch benutzen kann. Einige Teile haben sich quasi noch auf dem Laufsteg aufgelöst. Die gezählten 50 Schritte überlebt so ein Unikat knapp, nach weiteren 100 steht man vermutlich nackt da.
“Nackt” ist übrigens ein gutes Stichwort, dank der einwöchigen Feldstudie kann ich sämtliche Models anhand ihrer Brustwarzen erkennen. Im kollektiven Rausch – eine andere Erklärung gibt es nämlich nicht – hat die heimische Szene offensichtlich beschlossen, Transparenz zum wichtigsten Trend zu küren. Das ist nicht neu und funktioniert nur in Maßen. Leider nicht bei Männern und noch weniger bei Frauen, die eigentlich immer einen Sport-BH tragen sollten. Wenn also ein verhältnismäßig üppiges Model mit Latex-Suspenders und Highheels über den Laufsteg wackelt, wirkt der transparente Mantel aus Organza nur noch nuttig. Da wundern einen Kuriositäten wie Turbane und Masken eigentlich auch nicht mehr. Warum eine Designerin beschlossen hat, um die Taille der Models auch noch einige Lagen Frischhaltefolie zu wickeln, bleibt mir trotzdem ein Rätsel. Peinlich auch die Tatsache, dass ihre Show von einer Schuhmarke unterstützt wurde und weder Models noch die besagte Designerin selbst mit den hohen Hacken halbwegs gerade gehen konnte.
Glücklicherweise ist mir auch einiges entgangen, aus den hinteren Reihen sieht man nämlich nicht besonders gut. Dorthin wurde die Presse verbannt, vorne saßen weder Prominente noch Einkäufer, dafür aber Freunde und Familie. Die hatten zumindest die verwandschaftliche Verpflichtung zu applaudieren. Nebst Lungenkrebs bekomme ich von solchen Abartigkeiten auch noch Sorgenfalten. Überhaupt bin ich auf der Odyssee nach wahren Talenten um Jahre gealtert. Petrus kann mir schon mal einen Platz reservieren (diesmal bitte in der Frontrow), denn in nur fünf Tagen habe ich alle meine bisherigen Sünden abgebüßt. Immerhin ist mir jetzt der Platz im Himmel sicher!








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