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Buch

Blitzbildung: Die Strudlhofstiege

Der WIENER liest für Sie Klassiker der Weltliteratur. Diesmal: Wiens berühmtester literarischer Stadtplan ist 60. Die „Stiege“ war eigentlich nur als „Rampe“ gedacht.

„In einem besseren Roman wären jetzt die Gedanken des einsamen Reisenden während seiner Fahrt nach Wien zu erzählen und notfalls aus der betreffenden Figur herauszubeuteln und hervorzuhaspeln. Bei Melzer ist das wirklich unmöglich; von Gedanken keine Spur; weder jetzt, noch später (…).“

„Melzer und die Tiefe der Jahre“ lautet denn auch der ironische Untertitel zu Doderers berühmtestem Buch. Fragt man, wo Wien literarisch am Schönsten und Vollständigsten erfasst werde, wird oft wie aus der Pistole geschossen „Die Strudlhofstiege“ genannt. Bohrt man weiter, ob es darin denn tatsächlich um diese 101 Jahre alte, zuletzt vor knapp drei Jahren renovierte Treppenkonstruktion am Wiener Alsergrund gehe, die den Zugang vom Lichtental zur Währinger Straße für Fußgänger beschleunigt, hört man: „Na wahrscheinlich schon.“

Es ist auch nicht leicht zusammenzufassen, was die 900 Seiten dieses Romans ausmachen. Der Major Melzer als Hauptfigur selbst kommt auch schon mal fast hundert Seiten lang gar nicht vor. Dafür ganz viele andere, eher gut situierte Menschen der Vor- und Zwischenkriegszeit in Wien (das Buch spielt 1910/11 und 1923–25), die sich für einander interessieren, ihre „Gschichtln“ miteinander haben, und deren Lebenswege wie ein Wollknäuel so miteinander verwurschtelt sind, dass man zwar hin und wieder einzelne Fäden erkennt, insgesamt aber keinen Überblick wahrt, wer warum mit wem.

All das würzt Doderer mit so viel Charme und Geist, dass man sich wünscht, auch über den eigenen Freundeskreis werde eine so profunde Chronik verfasst. Doderer veröffentlichte den Roman Ende 1951. Als einer, der die Historie (Weltkrieg II eingeschlossen) schon als verschnürtes Paket kannte, schafft er einen distanzierten Blick auf die Zeit und ihre Figuren, seziert die Struktur ihres Denkens und Fühlens und rettet sprachlich einen Hauch Jahrhundertwendenostalgie herüber. Und ja, die Strudlhofstiege mit ihrer gekreuzten Architektur ist aus dem Plot nicht wegzudenken. Ihrem Erbauer, Johannes Jaeger, ist das Buch gewidmet. Während sich der Lebensweg 30 anderer (siehe unten) in „Die Dämonen“ fortsetzt, scheidet der denkfaule Major Melzer mit einem lupenreinen Happyend und endlich einer Frau aus dem Fokus des Autors – was der wie folgt kommentiert: „Es erscheint meines Erachtens unter den angegebenen Umständen (m. E. u. a. U.) mindestens erstaunlich, daß so viele bessere Romane, wenn sie gut ausgehen, mit dem Einander-Kriegen der betr. Parteien schließen.“

Weiter geht’s

Für den Verfasser war die 900-seitige “Strudelhofstiege” nur ein Prolog. Das Hauptwerk umfasst 1345 Seiten:

  • DIE DÄMONEN

Doderer schrieb daran ab 1929, während des Kriegs unterbrach er die Arbeit, nach dem Erscheinen der „Strudlhofstiege“ nahm er sie wieder auf und brachte sein Hauptwerk – wie er es selbst nennt – 1956 heraus. Die Figuren stammen aus dem gleichen Personalstand wie das Prequel, ihre Schilderung ist rauer. Die vielen Geschichten laufen auf eine historische Begebenheit zu: den Brand des Justizpalastes im Juli 1927. Gleichsam ein Lesevergnügen mit unkonventionellen Gedankengängen. Drei Charaktere nehmen in beiden Romanen viel Platz ein:

  • RENÉ STANGELER

1911 noch arroganter Musterschüler, der auf einem Ausflug die nervige Editha verführt, mausert sich René zum spröden Doktor der Geschichte. Biedere Erfolgsmenschen (leider die Familie der Langzeitverlobten Grete) sind ihm zuwider, bis er durch Glück selbst zu einem wird und im Schloss einer Partybekanntschaft ein mittelalterliches Zeugnis für Hexenverbrennungen entdeckt.

  • MARY K.

Mit ihr beginnt alles im ersten Satz der „Stiege“, wo sie sich als weit und breit einzige Person mit ehelicher Treue hervortut: Auch nach dem Tod ihres Mannes weist die Schönheit alle Freier ab. Am Ende des ersten Buches verliert sie bei einem Straßenbahnunfall in der Althanstraße ein Bein, erholt sich aber gut und findet in den „Dämonen“ schließlich doch eine neue Liebe: den Latein lernenden Arbeiter Leonhard.

  • SEKTIONSRAT GEYRENHOFF

Der Großteil der „Dämonen“ ist aus der Ich-Perspektive des soignierten Herren geschrieben, der glaubt, den Überblick über die Clique der „Unsrigen“ zu haben und eine Chronik über sie verfassen zu können, dann aber zugibt, dass das einfach nicht geht. Doch schon im ersten Teil leistet er Prägendes: Seit einer Begegnung mit ihm 1911 verwendet René Stangeler das gleiche Lavendelwasser wie er…

Genau lesen!

Niemand streut Wahrheit so stilvoll wie Doderer…

„Gerüche sind oft wie platzende Blasen der Erinnerung aus der Tiefe der Zeiten, wenn sie uns unvermutet anfliegen und man kaum recht weiß, ob von innen oder von außen. Den Geruch einer Person modifizieren: das geht schon an’s Leben.“ (S. 231).

„Eine Brücke zwischen zwei Reichen. Es ist, als stiege man durch einen verborgenen Eingang in die schattige Unterwelt des Vergangenen…“ – René Stangeler über die Strudlhofstiege (S. 282).

„Nie unterhält man sich so lebhaft wie wenn es darauf ankommt, nicht auf das zu kommen, wovon eigentlich alles herkommt.“ (S. 565).

„Glücklich ist nicht (…) wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist. (…) Glücklich ist vielmehr derjenige, dessen Bemessung seiner eigenen Ansprüche hinter einem diesfalls herabgelangten höheren Entscheid so weit zurückbleibt, daß dann naturgemäß ein erheblicher Übergenuß entsteht.“ – Amtsrat Zihal definiert das Glück (S. 909).

„Und zudem: jeder Mensch erscheint seiender, als er ist.“ (Der Autor, S. 336).

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Tuesday, 22.05.2012, 15:23 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

» Alle Beiträge von Martin Thomas Pesl » Private Webseite

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