WIENER
Bühne

Abgründe der Weiblichkeit

Christina Scherrer macht sich mit ihrem zweiten Soloprogramm in der Drachengasse bemerkbar.

Sie ist 24 und präsentiert schon ihr zweites Soloprogramm. Bildhübsch und selbstbewusst entwaffnet die junge Schauspielerin Christina Scherrer ihr geheimnisvolles Lächeln, man weiß nicht recht, wo man sie einordnen soll. Eine Aura, die die Scherrerin auch im Laufe dieser Vorstellung nicht ablegt. Was die Neugier definitiv weckt. „Barbie, Doll and Bunny – funny? Eine musikalische Zustandsbeschreibung“ heißt der kurze Abend, den Christina Scherrer zusammen mit der Regisseurin Anna Winkler erarbeitet hat.

Bezeichnungen, die sie offenbar für sich selbst abtestet, wenn sie die Einsamkeit und Verderbtheit des Showbusiness verhandelt, das weniger Talent und Charisma, als vielmehr einfach nur den Körper von der Frau verlangt. Wie wir ja alle wissen.

So geht der Abend los, um dann durch seltsam schräge Abgründe der Weiblichkeit zu mäandern, immer ein wenig unentschieden (oder auch nur uns hilflosen Zuschauern nicht verratend), wo man hin will, so dass auch die kokett im Titel gestellte Frage „Funny?“ nur teilweise mit einem festen Ja beantwortet werden kann, etwa wenn ein paar Zigaretten in einer Bar in verschiedenen Sprachen, hauptsächlich Wienerisch, Love Storys durchleben.

Insgesamt erwecken die Figuren, die wahrscheinlich alle Facetten im scherrerschen Identitätskosmos repräsentieren, den Anschein, schon so manchen Abgrund auf den Brettern, die die Welt bedeuten, erlebt zu haben und in der Theorie zwar abgebrüht drüberzustehen, in der Praxis aber eben nicht ganz. Aus den einzelnen, sympathisch-abseitigen Scherrer-Splittern setzt sich jedoch kein glasklares Bild zusammen.

Unmissverständlicher als das dramaturgische, schreibende legt die Künstlerin einerseits ihre schauspielerische Vielfalt (die Figur des tiafen Zuhälterschweins erster Güte ist der reinste, nein, der schmutzigste Genuss!), andererseits ihr musikalisches Können an den Tag. Oder besser gesagt ihr unmusikalisches Talent. Denn die Figuren, die sie darstellt (Handpuppen inklusive), lieben es zu singen, so wie man sich unter der Dusche dem grölenden Pathos hingibt: Hoch, tief, versifft, enthusiastisch – diese Bandbreite von grölend bis Musical, mit der Scherrer Hits unterschiedlichster Natur, wie “Toxic” oder “Für dich soll’s rote Rosen regnen”, in Begleitung des Pianisten Matthias Klausberger darbietet, dabei trotzdem immer den richtigen Ton treffend, macht wahrlich Freude. Famos gelungen Vanessa Riederers Kostümbild, das alle paar Minuten elegant wechselt und die vielseitige Akteurin jedes Mal neu zu erfinden scheint.

„Barbie, Doll and Bunny – funny?“: Wer sich von diesem sperrigen Titel nicht abschrecken lässt, bekommt ein verblüffendes Programm zu sehen, das die Sperrigkeit fortsetzt und daher schwer beschreibbar ist – aber ein gutes Gefühl hinterlässt: Befriedigt wird die Neugier nicht, sie bleibt wohlig kitzelnd aufrecht.

„Barbie, Doll and Bunny – funny?“ von und mit Christina Scherrer. 4. und 5. 11. 2011, 20 Uhr, Drachengasse Bar & Co. Weitere Termine folgen 2012.

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Tuesday, 22.05.2012, 15:21 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

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