Zombies hautnah
Die Zombie-Serie „The Walking Dead“ ist Kult. Und zu Halloween ohnedies! Der WIENER war als einziges deutschsprachiges Medium beim Dreh in Atlanta, um sich selbst ein Bild vom Grauen zu machen.
Sie sieht aus wie eine Leiche im Stadium fortgeschrittener Verwesung. Spindeldürr, totenblass, mit Spuren von Bisswunden und Blut am ganzen Körper. Würmer haben sich bereits in eine der stark zurückgetretenen Augenhöhlen eingenistet. Haare und Kleidung hängen strähnig und in Fetzen am scheinbar leblosen Leib. Und doch ist sie nicht völlig tot. Lechzend nach Frischfleisch sucht sie torkelnden Schrittes ihr nächstes Opfer. Ich weiß zwar, dass sich hinter dieser Zombie-Komparsin ein ganz normaler Mensch verbirgt, trotzdem zucke ich reflexartig zurück, als sie sich mir mit einer ruckartigen Bewegung nähert. Diese Kreatur sieht wirklich täuschend „echt“ aus.
Wie man zum Zombie wird
„Ihr würdet alle gute Zombies abgeben“, sagt Greg Nicotero, der wohl bekannteste Special Make-Up Effects-Künstler Hollywoods, und meint es durchaus als Kompliment. „Wir suchen große und schlanke Leute mit riesigen Augen, hohen Wangenknochen und einer kleinen Nase. Je schmaler das Gesicht ist, desto besser kann man Silikon-Teile anbringen, ohne dass es unecht wirkt.“ Etwa 90 Minuten dauert die Verwandlung in einen Zombie, der in einer Close-Up Einstellung gezeigt wird – 45 Minuten braucht es, um alles wieder zu entfernen. Keiner darf ungeschminkt vom Set. Einige hätten es schon versucht. „Wir arbeiten hart daran, die Zombies furchterregend und gruselig zu machen. Wenn man dann einen schwitzenden Zombie mit verwischtem Make-Up auf Facebook sieht, würde das die Illusion der Zuseher zerstören“, so Nicotero, der für seine Arbeit heuer mit einem Emmy ausgezeichnet wurde.
Bei den Dreharbeiten
Der Hauptschauplatz der zweiten Staffel, die seit Anfang Juni etwa eine Autostunde südlich von Atlanta produziert wird, befindet sich bei den Raleigh Studios – größter unabhängiger Studio-Betreiber des Landes – und heißt Hershal’s Farm. Wir besichtigen Farmhaus, Scheune, Campingplatz und Wohnwagen. Was auf den ersten Blick nach Familienidylle à la „Unsere kleine Farm“ aussieht, wird in der zweiten Staffel für Gänsehaut-Feeling sorgen. Die Dreharbeiten laufen noch bis Ende November, und wir bekommen eine ungefähre Vorstellung davon, wie unerträglich heiß es im Sommer bei schwülen 40 Grad gewesen sein muss. Am Abend dürfen wir bei einem Nacht-Dreh dabei sein, was die Sache ganz schön gruselig macht. Wir haben Glück, auch Zombies werden heute einen Auftritt haben. Die Crew ist am Set platziert. Plötzlich flüstert mir eine Kollegin zu: „Dort drüben ist der Hauptdarsteller, Andrew Lincoln!“ Der Keira Knightley-Verehrer aus „Tatsächlich Liebe“ schleicht sich eine Hausmauer entlang, versteckt sich hinter Mülltonnen und läuft mit einem Gewehr in der Hand über die Straße, genau in meine Richtung. Alle Muskeln seines Körpers sind angespannt, die Konzentration steht ihm ins Gesicht geschrieben. Immerhin muss Lincoln seinen Text im tiefsten amerikanischen Südstaatenakzent wiedergeben – keine leichte Aufgabe für einen Briten.
Auch im zweiten Produktionsjahr sind die Zombies immer noch furchterregend genug für die Schauspieler, um ihnen den nötigen Kick für eine überzeugende Leistung zu geben. Abgesehen von der tollen Maske schwärmen die Darsteller auch von den zwischenmenschlichen Handlungen, die der Serie Tiefgang verleihen. „Einerseits versuchen wir ein Zombie-Stück zu machen, aber gerade in der zweiten Staffel sind es weniger die Zombies, von denen die größte Gefahr ausgeht, sondern eher die Menschen selbst“, erklärt Schauspieler Jon Bernthal. „Die Serie trifft wirklich den Puls der Zeit, mit Umweltproblemen, Nuklearwaffen etc. Zombies stehen für unterschwellige Angst, Verlust und Panik. Es ist eine permanente Gefahr, die in unseren Köpfen geistert. Die Serie vermittelt den Zusehern, wie wichtig Familie, Gemeinschaft und Zusammenhalt sind. Dass es Dinge gibt, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen. Und das alles geschieht auf eine sehr spannende Art und Weise“, meint Darstellerin Laurie Holden.
Zombies, die neuen Vampire
Warum haben sich die Produzenten ausgerechnet für eine Zombie-Serie entschieden? „Vampir-Filme sind schon ziemlich ausgereizt, Werwölfe auch. Aber noch niemand hat es geschafft, eine richtig gute Zombie-Show zu machen“, erklärt uns Hollywood-Produzentin Gale Anne Hurd. Sie hat schon bei Arnold Schwarzenegger ein gutes Näschen bewiesen. Und selbstverständlich erinnert sie sich noch an ihn. „Ich habe ihn ja gecastet! Er kam herein und sagte: Ich bin der Terminator. Und wir haben uns gedacht: Oh Gott, ja, das bist du. Und er war perfekt!“
Nach dem gemeinsamen Abendessen mit der Crew – die Zombies können scheinbar ihr Essen trotz voller Montur und gefärbten Zähnen genießen – treffe ich bei den Toiletten meine „alte Bekannte“. In der Kabine neben mir erkenne ich die zerfetzten Schuhe und blutigen Strümpfe der Zombie-Frau wieder. Nackenhaare stellen sich auf, der Puls rast. Beim Rausgehen zwinkert sie mir zu und meint voller Vorfreude: „Vielleicht darf ich sogar jemanden die Eingeweide aus dem Leib reißen.“ Na, Mahlzeit! Ich suche schnell das Weite.
DIE ZWEITE STAFFEL: In einer von Zombies überrannten Welt kämpft eine kleine Gruppe um das nackte Überleben. Angeführt vom Polizisten Rick Grimes (Lincoln) flüchtet sie aus Atlanta aufs Land. Nach dem Serienstart im letzten Jahr – das Finale hatte 6 Millionen Seher – gibt es nun 13 neue Folgen, seit 21. Oktober auf dem Seriensender FOX, empfangbar bei SKY.


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