Under my wheel
Der gemeine Radfahrer leidet nicht nur am „Restless-Legs-Syndrom“, sondern ist auch sonst schwer bedient. Leider entkommt man ihm nicht einmal als Stadtflüchtiger.
Der Schoitl erwacht im Morgengrauen. Seine Beine zucken nervös. Er frühstückt ausgiebig: Speck mit Ei, einen Kübel Kakao, achtzehn Semmeln. Und Spam. Dann quetscht er seinen Leib in eine hautenge Hülle von so exzentrischer Farbgebung, als wäre er unter Papageien aufgewachsen. Er schwingt sich behende auf sein Kampfrad, wie das Nashorn auf die Nashörnin, und macht sich auf den Weg, den großen Fluß entlang.
Und so kommt es, dass ich ihm frühabends begegne. Auf der Donaupromenade, wo meine Gefährtin und ich den schwindenden Tag genießen wollen, schweigend ins Gespräch vertieft. Plötzlich dringen von hinten Geräusche an mein Ohr, ich wende mich um – und da kommt er gefahren, schnurstracks auf uns zu. Mit einer gebieterischen Handbewegung bringe ich ihn zum Halten und deute auf die andere Seite des Weges, der in beiden Richtungen menschenleer ist. Worauf der Kerl, offenbar ein Holländer, mit einer Stimme wie Rudi Carrell auf Rohypnol radebrecht: „Gehen … muss … rechts!“
Ich kratze den letzten Rest meines Wiener Charmes zusammen und entgegne: „Wos is, Gschissener, kannst ned ausweichn?!“ Wenige Sekunden später strampelt er sich – nach beiderseitiger Androhung körperlicher Gewalt – auf den Horizont zu. Und lässt mich mit meinem wiedererwachten Zorn auf die Psychopathologie des Radfahrers zurück.
Gewiss gibt es zivilisierte Gegenden mit einer Radfahrkultur – vielleicht auf dem Saturn, wo gutgekleidete Veloisten elegant über die Ringe dieses schönen Planeten gleiten und sich nicht nur an die Verkehrsregeln, sondern auch an den intergalaktischen Anstand halten. Bei uns auf Erden kommt sowas nicht vor. Da gibt es bestenfalls die Notwendigkeits-Radler, meist Hausfrauen und Pensionisten, die in ländlichen Gegenden oder städtischen Außenbezirken zum Supermarkt fahren. Ihnen kann man nicht viel vorwerfen, außer eventuell, dass sie gern beim Tratschen Steg und Weg verstellen.
Zur psychiatrischen auffälligen Epidemie wurden Radfahrer erst durch die völlige Pervertierung des Freizeitgedankens. Man nehme nur diese Jungeltern, die ihre kugeligen Kinder zwischen Kebab und Konsole zur „körperlichen Ertüchtigung“ anhalten, als wäre die HJ noch am Ruder. Oder die sogenannten Aktiv-Urlauber, die ihre Ferien damit zubringen, sich auf dem Rade einen Infarkt herbeizutreten. Dabei tragen sie, damit ihr Popscherl nicht wund wird, eine Art Erwachsenenwindel unter ihrer grauenhaften Sportkleidung – und Helme, die aussehen, als hätte H. R. Giger den Eierschalenhut von Calimero entworfen.
Andererseits: Den Helm brauchen sie garantiert, sonst ziehen sie sich beim Sturz noch eine Kopfverletzung und bleibende mentale Schäden zu. Und dann dürfen sie nur mehr in Wien radfahren. Und grün wählen. Das wünscht man nicht einmal seinem schlimmsten Feind. (Oder eigentlich doch…)


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