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Die Zeiten ändern sich

Und manchmal auch die Einstellungen ihrer Chronisten. Selbst der gute, alte Protestsong ist nicht mehr das, was er nie war. Eberhard Forcher über einen „Klassiker“ von Bob Dylan.

„The times they are changing …“ Ein gewisser Robert Zimmermann hat diese aufrüttelnden Zeilen bei seiner ersten Landschulwoche in New York City zufällig auf einem Hochglanz-Bauernkalender gelesen und sich – unter dem Eindruck der unmissverständlichen Botschaft – fortan Bob Dylan genannt.

Wie sich sehr schnell herausstellen sollte, hatte er damit 100-prozentig recht. Nein, nicht mit der Idee, seinen Namen dermaßen einfallslos zu ändern (als Zimmermann hätte er sich immerhin die Axt im Haus erspart) … dafür jedoch mit der Schnapsidee, aus einem Bauernkalenderspruch einen hochprozentigen Protestsong herauszudestillieren.

Prophet ohne Bart

Damit lag er zufälligerweise goldrichtig und traf entsprechend punktgenau ins Schwarze. Die Zeiten änderten sich damals tatsächlich mit enormem Tempo. Bestes Beispiel: das gerade mal angebrochene Jahr 1968 etwa änderte sich innerhalb von nur zwölf Monaten in das Jahr 1969. Von da an galt Bob Dylan quasi als Prophet unter den Liedermachern, obwohl er aufgrund des fehlenden Bartes optisch so gar nicht wie ein solcher gewirkt haben mag. Er kann sich dafür heute damit trösten, dass viele seiner Songs – aus der Sicht einiger Ungläubiger – einen derart langen Bart haben, dass man damit mindestens alle Gandalf-Impersonatoren bei der letzten „Herr der Ringe“-Convention gesichtshaarmäßig ausstatten hätte können.

Mein Freund, der Mutsch, hat mir unlängst gestanden, er habe es Dylan nie verziehen, dass dieser bis heute keinen Song geschrieben hat, der kürzer als 20 Minuten ist. Durch einen diskreten Hinweis meinerseits weiß er inzwischen, dass ihm die Lieder nur so lange vorgekommen sind. „The Times They Are Changing“ dauert in Wirklichkeit knappe drei Minuten. Drei Minuten, die nicht nur die Zeit, sondern auch die Welt verändert haben. Wer z.B. hätte sich damals allen Ernstes vorstellen können, dass das Fahnenlied der Bürgerrechtsbewegung einmal als Soundtrack für den Werbejingle einer großen amerikanischen Steuerberatungsfirma her halten würde müssen.

Noch schlimmer: Ein paar Jahre später lizensierte Bob Dylan den Song auch noch zur kommerziellen Verwendung durch die Bank Of Montreal. Der Schmierzettel, auf den er weiland die ersten vier Zeilen der Protesthymne hingekritzelt hatte, kam übrigens am 10. Dezember 2010 bei Sotheby’s in New York unter den Hammer und erzielte einen Verkaufspreis von 422.500 Dollar. Den Zuschlag erhielt ein Kunstsammler namens Adam Sender. Was glauben Sie, was der gute Mann beruflich macht? Mr. Sender ist Hedge Fonds-Manager. Und falls ihn das Börsengeschäft irgendwann einmal abwerfen sollte, kann er jetzt nahtlos auf Bauernkalender-Herausgeber umsatteln. Bei Humboldt gibt’s bis dahin sicher einen entsprechenden Kurs im Angebot.

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Tuesday, 22.05.2012, 15:02 Uhr

Autorenprofil Eberhard Forcher

Eberhard Forcher
Musiker, DJ, Radiolegende - und jüngste Erweiterung der WIENER Kolumnistenriege. Anhören: "Solid Gold" (Ö3, Sonntag, 19.00-22.00 Uhr) und "Forcher`s Friday Music Club"(Ö3, Freitag, 22.00 -0.00 Uhr).

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