Die gibt’s
Motorradmagazin-Kolumnistin Heidi List hat's nicht so mit Winterreifen. Jedenfalls nicht im Winter.
Herbst. Ich bin in Panik. Ein weiterer einsamer Winter in der Wohnung droht. Der Winter ist ja prokrastiniererbereinigt. Weil die können nicht raus. So wie ich. Müsste ja nicht sein, wenn ich so wäre wie die anderen. Man hört ja von denen, die gibt‘s ja in echt. Die, die sich im Oktober, manche ganz arge eh‘ erst dann im November, dann aber wirklich, puh, na puh, schon den Winterreifenwechseltermin ausmachen. Und dann dort in den Werkstätten einreiten zu einem Zeitpunkt, wo man noch nett mit Kaffee empfangen wird, weil eh‘ nichts los ist. Oder die, die ihre sorgsam eingemotteten Wintersachen im Herbst wieder rausholen, so auch die einzigen warmen Stiefel, die aber seit zwei Saisonen einen kaputten Absatz haben. Da zieht‘s jetzt kalt durch, von unten, Lammfelleinlagen hin oder her.
Nein, die sind wirklich nicht so wie ich, die draufkommt, dass die Winterreifen den ganzen Sommer über eigentlich gar nicht unten waren, was total unöko ist. Und somit sind die Dinger abgefahren bis aufs Gummiskelett. Das heisst, es müssen neue angeschafft werden. Wann soll man das bitte tun, es ist ja dauernd was. Dauernd ist was. Ausserdem wo kauft man Reifen? Na, dann halt zu Fuss. Achso, geht auch nicht, die Stiefel! Da müsste ein Schuster ran und diesen einen flatternden Absatz wieder drannageln. Sonst man hat innerhalb von Minuten nasses Eisbein. Aber wann soll man das dann bitte auch noch tun, weil es ist ja tatsächlich dauernd was.
Irgendwann kommt der Tag der Läuterung. Es ist, witzig, der Tag, an dem der erste Schnee fällt. Da reisst man sich zusammen und hastet frierend zum Auto, um dann auf den glatzigen Reifen in die Werkstatt zu rutschen. Dort steht schon eine Riesensschlange wild Gestikulierender. Und ein paar zornige Mitarbeiter, die es nicht packen, wie viele Ignoranten es gibt, die jetzt erst daherkommen, es aber dann besonders eilig haben. Wir winken mit extra Euroscheinen, damit wir schneller drankommen. Ist denen wurscht. Ich kriege mein Sonderfett ab, wieso zum Geier ich glaube, dass diese Reifen auf Lager sind, es fahren ja nicht alle die gleiche Gurke wie ich. Dauert zwei Wochen, leider. Jetzt bestellen ja alle. Jetzt, wo schon Schnee liegt.
Traurig rutscht man wieder nach Hause. Versucht sein Glück beim Schuster. Auch dort ist eine Schlange, man trifft sogar manche der Loserkollegen von vorher an der Werkstatt wieder. Der Schuster ist pragmatisch. Macht hämisch grinsend Termine. Die Auftragslage gestattet einen reparierten Stiefel erst nach Weihnachten. Nein, andere könnte ich derweil nicht beziehen, sie wären ausverkauft, vor allem in der ödesten Grösse der Welt: 39. Schade, tschüss.
Neue Schuhe kriegt man auch sonst nirgendwo her, wie denn, ohne Stiefel oder ohne Auto?
Enttäuscht zittert man nach Hause. Bestellt Bücher über Aufschieberitis bei Amazon. Nein, keine Winterschuhe, das wäre unsportlich. Und so viel katholische Prägung und daher Strafe muss sein. Man setzt sich ans Wohnzimmerfenster und sieht den anderen beim Leben im Winter in freier Wildbahn zu. Wie sie unter sich bleiben. Denn sie können in ihren warmen Schuhen das Haus verlassen, in warme Wintermäntel verpackt in ihre Autos steigen und sicher winterbereift zueinanderfahren. Ich kriege von denen aber bis April nichts mit. So lange kann ich jetzt nämlich nicht ausser Haus.








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