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Blitzbildung: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk

Der WIENER liest für Sie Klassiker der Weltliteratur. Diesmal: Der bekannteste Volltrottel Böhmens feiert seinen 100. Geburtstag. Der Roman dazu ist unvollendet.

SCHWEJK AUF DER BÜHNE: Bis 4.11. feiert das Theater Scala den Geburtstag des braven Soldaten, in Gestalt von Leopold Selinger.

„Heutzutage gibt’s wenig anständige Leute, Frau Müller. Ich stell mir halt vor, daß sich der Herr Erzherzog Ferdinand in Sarajevo auch in dem Mann getäuscht hat, der ihn erschossen hat. Er hat irgendeinen Herrn gesehn und sich gedacht: Das ist sicher ein anständiger Mensch, wenn er mir ‚Heil’ zuru . Und dabei knallt ihn der Herr nieder.“

Wo er Recht hat, hat er Recht, der Schwejk, wie er mit seiner Bedienerin philosophiert. Auch wenn man’s nicht glaubt: Wegen ärztlich attestierter Blödheit musste er vor Jahren den Militärdienst quittieren und lebt jetzt in Prag vom Verkauf gefälschter Rassehunde. Aber dass dem Kaiser sein Neffe erschossen wird, das geht nun doch nicht an. Also findet sich Josef Schwejk als Infanterist über manchen Umweg doch noch als Soldat mitten im 1. Weltkrieg. Seine Mission: brav und fleißig dienen. Das Ergebnis: ein Schlamassel nach dem anderen.

Wir machen uns gerne über unser Bundesheer lustig. Aber schon Jaroslav Hašek fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer Atmosphäre der Kriegshetze und des heuchlerischen monarchischen Patriotismus manch Verarschenswertes an der österreichischen Armee. Erstmals zog er dazu 1911 in einem Theaterstück die Figur des Schelmen Schwejk heran, dem man nicht böse sein kann und der dadurch die Narrenfreiheit hat, Missstand und Korruption zu entlarven, ohne es selber so richtig mitzukriegen. Schwejks Assoziationsfähigkeit ist so grenzenlos wie sein Redeschwall: Ihm fällt zu allem eine alte Geschichte ein. Die Gefahr: Er ist so blöd, dass viele ihn für einen Simulanten halten! Gelassen bereit, für Kaiser und Vaterland zu sterben, entgeht er oft der Hinrichtung nur knapp. Oder ist er vielleicht doch schlauer als man denkt?

Schwejk ist Nachfahre von Till Eulenspiegel und Vorbild für Grass’ „Blechtrommel“- Oskar, aber auch etwa für Inspektor Clouseau oder Forrest Gump. 1921 begann Hašek auf Grund eigener Erfahrungen einen umfangreichen Roman rund um Schwejk im Weltkrieg. Darin zieht der schon mal die Notbremse im Zug, um zu beweisen, dass sie gar nicht funktionieren kann, hat einen Kanarienvogel auf dem Gewissen, weil er dessen Freundschaft mit der Angorakatze herstellen wollte, und gerät in k.u.k. Kriegsgefangenschaft, weil er die Uniform eines badenden russischen Soldaten anprobiert hat.

Eine zeitlose „guilty pleasure“: Schwejk lesen, das ist wie hängenbleiben, wenn ein alter Louis-De-Funès-Film im Fernsehen läuft . Bei uns ist die Kasperliade auch wegen ihrer „böhmakelnden“ Übersetzung ins Österreichische berühmt. Schade, dass sie mitten in einem der schrägen Kasernendialoge abbricht, weil Hašek 40-jährig verstarb.

Zu Befehl, Herr Lajtant!

Auch die Vorgesetzten des amtlich für blöd erklärten Schwejk sind nicht unbedingt die hellsten:

  • Feldkurat Otto Katz

Der selbst ernannte Geistliche, dem Schwejk persönlich assistiert, zeichnet sich durch besondere Gleichgültigkeit gegenüber der Religion aus. „Solange der Staat nicht einsieht, daß die Soldaten, bevor sie in die Schlacht gehen, um zu sterben, dazu nicht Gottes Segen brauchen, ist das Feldkuratentum ein anständig bezahlter Beruf, in dem sich der Mensch nicht zu sehr schindet.“ Er und Schwejk haben zusammen viel Spaß mit Messwein und improvisierten Altären, bis er den Diener beim Kartenspiel verliert, und zwar an:

  • Oberstleutnant Rudolf Lukasch

Die Geschichte zwischen ihm und Schwejk ist die einer glühenden Hassliebe: Schwejk liebt Lukasch, Lukasch hasst Schwejk. Da er sich aber viel in amouröse Abenteuer verstrickt, kann er einen treuen Trottel gut gebrauchen. Als Schwejk etwa in Ungarn einer verheirateten Frau einen Liebesbrief des Oberstleutnants in Gegenwart von deren Mann übergibt, behauptet er, den Brief selbst geschrieben zu haben.

  • Leutnant Dub

Der erbitterte Rivale von Lukasch macht gerne Eindruck. Ihm ist wichtig, dass er den Kadetten und Infanteristen Angst einflößt. Dabei macht er sich oft lächerlich, etwa wenn er Schwejk eine Flasche Wodka, die der als Wasser ausgibt, zum Beweis in einem Zug austrinken lässt, ohne dass der auch nur mit der Wimper zuckt. Je mehr Dub von den Untergebenen als „Halbfurzer“ kategorisiert wird (weil er nicht mal den Furzer hinbekommt), desto sinnfreier werden seine drohenden Oneliner: „Ihr kennt mich nicht, aber bis ihr mich kennenlernt, werdet ihr an Leutnant Dub denken!“

  • General Fink

Sein Lieblingssport: Standgerichte und Hinrichtungen durch Hängen in möglichst kurzen Abständen hintereinander. Rekord: drei Minuten. Auch Schwejk hätte er so fast auf dem Gewissen, würde der nicht den Geistlichen, der ihn trösten soll, durch unablässiges Schwafeln in den Wahnsinn treiben.

Schwejksames

„Wenns alle Menschen mit den andern Menschen gut meinen möchten, tät bald einer den andern erschlagen.“ (S. 34).

„Wien is überhaupt eine wichtige Stadt. Wieviel wilde Tiere es nur in der Schönbrunner Menagerie gibt.“ (S. 370).

„Hier wird nachn Krieg eine sehr gute Ernte sein. Man wird sich hier nicht Knochenmehl kaufen müssen, es ist sehr vorteilhaft für die Bauern, wenn ihnen aufn Feld ein ganzes Regiment verwest; kurz, es is guter Dünger.“ (S. 700).

„In Bojischti hat in einer Kellerwohnung der Straßenkehrer Machatschek gewohnt, der hat sich aufs Fenster geschneuzt und hats so verschmiert, daß draus ein Bild gworn is, wie Libuscha den Ruhm der Stadt Prag prophezeit. (…) Es war auch sein einziges Vergnügen.“ (S. 755).

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Tuesday, 22.05.2012, 14:54 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

» Alle Beiträge von Martin Thomas Pesl » Private Webseite

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