WIENER
Buch

Zum 90. Geburtstag von Stanislaw Lem: Solaris

Der WIENER liest für Sie Klassiker der Weltliteratur. Diesmal: Viel Science, noch mehr Fiction und ein Batzen Philosophie. Vor 50 Jahren sprengte „Solaris“ die Grenzen eines Genres.

„Wir brechen in den Kosmos auf, wir sind auf alles vorbereitet, das heißt, auf die Einsamkeit, auf den Kampf, auf Martyrium und Tod. Aus Bescheidenheit sprechen wir es nicht laut aus, aber wir denken uns manchmal, daß wir großartig sind.“

Die Science-Fiction ist ein isoliertes Genre. Manche folgen den futuristisch-galaktischen Pfaden  Theorie um  Theorie, Lichtjahr um Lichtjahr, andere können nicht das Geringste damit anfangen: eine Wissenschaft  eben, ein für herkömmliche Leser sehr, sehr wüster Planet. Selten gelingt es Autoren, die Grenze zur Literatur zu überwinden und über die Fangemeinde in Star-Trek- T-Shirts hinaus Furore zu machen. So geschehen 1961 im kommunistischen Polen, als Stanislaw Lems Roman „Solaris“ erschien.

Natürlich steht ein ferner Planet im Mittelpunkt dieses Klassikers, und die turbulente Historie seiner Erforschung, der Solaristik, wird detailgenau geschildert. Man schickt den Psychologen Kris Kelvin hin, um neue Akzente bei der Erforschung eines solarischen Ozeans zu setzen, dem eine Art Intelligenz zugeschrieben wird. Eigentlich dürften ihn nur die Doktoren Snaut und Sartorius erwarten, doch seit einiger Zeit materialisieren sich auf Solaris auch andere Gestalten. Sie speisen sich aus dem schlechten Gewissen der Anwesenden und sind partout vernichtungsresistent. Es dauert nicht lange, da hat Kelvin selbst einen „Gast“: seine Geliebte Harey, die sich einst (auf Erden) das Leben nahm, weil er es nicht verhinderte.

Da es halt nicht anders geht, leben die beiden verlegen nebeneinander her und tauschen Höflichkeiten aus – fast wie ein irdisches Ehepaar. Unwillkürlich korrumpiert die schöne Frau Kelvin immer mehr, und den Kollegen fällt es zunehmend schwer, seine Aufmerksamkeit auf die eigentliche Mission zu fokussieren: die Bewältigung des großen fremden Ozeans und die Beseitigung seiner Visionen…

Neben handfesten wissenschaftskritischen Exkursen gibt Lem der Begegung mit dem wahrlich Fremden Gänsehautqualitäten. In der DDR nahm man das sehr ernst und wollte „Solaris“ wegen seines pessimistischen Tons erst nicht veröffentlichen. Tatsächlich gibt Lems Blick in die schwarzen Löcher der Unendlichkeit wenig Anlass zur Heiterkeit, das offene Ende schon gar nicht. Beachtlich – und für Sci-Fi-Aliens interessant – sind die Sprachgewandtheit und die Fülle an Gedanken über den Kosmos, die der sich selbst eher als Philosoph denn als SF-Schreiber sehende Lem Jahre vor der ersten Mondlandung anstellte. Als schwömme man in einem Ozean der Weisheit dem Horizont der Verzweiflung entgegen.

Weit, weit weg und doch so weise

Zitate von Kris Kelvin und den Solaristen:

„Menschen suchen wir, niemanden sonst. Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel. Mit anderen Welten wissen wir nichts anzufangen. Es genügt unsere eine, und schon ersticken wir an ihr.“ (Snaut, S. 95).

„Beim Aufwachen hatte ich das paradoxe Gefühl, daß das Wachdasein, das echte Wachdasein eben jenes vorige gewesen sei – und was ich nach dem Öffnen der Augen sah, das sei nur ein vertrockneter Schatten davon.“ (Kelvin, S. 230).

„Wie? Betrunken? Ich? Na und? Ein Mensch, der seine Kotfladen von einem Ende der Galaxis ans andere geschleppt hat, um zu erfahren, wie viel er wert ist, darf sich der nicht betrinken?“ (Snaut, S. 237).

„Denk nur, wir haben alle Sterne und Planeten benannt, aber vielleicht hatten die schon Namen? Welch ein Übergriff!“ (Snaut, S. 238).

Lust auf Science Fiction? HIER weiterlesen!

STANISLAW LEM / „SOLARIS“: Deutsch von Irmtraud Zimmermann-Göllheim, Suhrkamp, Euro 8,90, ISBN 978-3-518-46131-0
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • Posterous
  • del.icio.us
  • Tumblr
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
Shortlink:

 

Userkommentare

Keine Kommentare zu diesem Artikel | Kommentar schreiben

wiener-online.at

Die offizielle Website des WIENER

Männer - Zeitgeist - Lifestyle - Kultur

Tuesday, 22.05.2012, 14:53 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

» Alle Beiträge von Martin Thomas Pesl » Private Webseite

Jetzt in Ihrer Trafik!

WIENER

Das Juni-Heft u.a. mit folgenden Themen:

  • Die Schmäh Brüder
  • Jason Stathame
  • Ulrich Seidl
  • Ein Museum im Meer
» ZUM HEFTABO

Eventkalender

Weitere Online-Angebote der Styria Media Group AG:
Börse Express | Die Presse | ichkoche.at | Kleine Zeitung | sport10.at | typischich.at | willhaben | WirtschaftsBlatt
//wiener-online.at