WIENER
Depeschen aus der Provinz

The World Is Underganging

Außerhalb der Großstadtgrenzen sprechen die Menschen nicht nur viel lustiger Englisch, sondern machen auch sonst alles anders – wie Ihr Kolumnist unter Schmerzen feststellen musste.

Verehrte Leser und -innen! Sollten Sie sich bei der Lektüre meiner vorigen Kolumne gefragt haben, ob da was fehlt, dann muss ich Ihnen leider sagen: ja. Es war die Schlusspointe, das letzte „eh“, der alles entscheidende Gag, gnadenlos entfernt von einem müden Redakteur, der ins Wochenende gehen wollte und sich wahrscheinlich gedacht hat: „Wegen die zwa Buchstaben fang i ka neue Zeiln an.“ Wer mir schreibt (per Elektro- oder Schneckenpost), dem schicke ich das fehlende „eh“ gern auf einer netten Ansichtskarte zu.

Aber man macht sich ja doch seine Gedanken, wenn sowas passiert. Hassen die Wiener Zeitschriftenmacher uns Neo-Provinzler etwa so sehr? Oder war alles nur eines dieser Missverständnisse, wie sie einem auf Schritt und Tritt begegnen?

Zum Beispiel damals, als ich im Sommer – bevor der wegen globaler Erwärmung Mitte Juli behördlich geschlossen wurde – durch die Gassen schritt und mich fragte, ob meine neue Heimatstadt vielleicht am Äquator liegt, weil die Sonne hier zu jeder Tageszeit im Zenit steht. Ich erkundigte mich bei einer weisen Einheimischen, die mir zur Antwort einen zarten Fausthieb auf den Hinterkopf versetzte und sagte: „Du Depp, das liegt dran, dass wir hier so niedrige Häuser haben.“

Eigentlich logisch. In der Stadt schleppt man sich zwar von einer schattigen Straßenseite auf die andere, schaut aber nie zu den oberen Etagen hinauf, weil einem sonst die Tauben auf die Stirn scheißen. Und dann nimmt man automatisch an, dass die Lichtverhältnisse überall so sein müssen. Klassisches Missverständnis.

Ich denke da auch den Tag, als ich einen hochbegabten jungen Mann kennenlernte, der gerade seine selbstentworfene neue Wohnstatt bezogen hat – ein Passivhaus. Nun habe ich ja schon bei sogenannten Niedrigenergiehäusern stets vermutet, dass die Bewohner müde darin herumhängen wie ein stinkerts Gsöchts und nix weiterbringen. Aber gleich ein Passivhaus? Warten dort alle nur darauf, dass ihnen wer die Pizza bringt und sie zum Geschlechtsverkehr aufeinanderlegt? Ein weiterer, schon etwas stärkerer Faustschlag klärte auch diesen Irrtum auf. Zwangsweise.

Um zu verhindern, dass meine Fontanellen aufplatzen, stelle ich einfach keine Fragen mehr. Auch dann nicht, wenn die Leute behaupten, dass sie eine „saure Jause“ zu sich nehmen wollen – und ich fix damit rechne, dass gleich Essigwurst und Zitronenkracherl serviert werden. Weit gefehlt! Dort, wo ich jetzt wohne, werden sämtliche Geschmacksrichtungen, die nicht süß sind (also salzig, bitter, sauer und grauslich) unter „sauer“ zusammengefasst, sogar das gemeine Käsbrot.

Bei der Gelegenheit könnte ich Ihnen eigentlich auch erklären, welche kulinarische Perversion sich hinter dem Begriff „saurer Radler“ verbirgt, aber da wird der Redakteur sicher wieder ab.

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Saturday, 25.05.2013, 15:35 Uhr

Autorenprofil Peter Hiess

Peter Hiess
Geboren 1959 in Wien; lebt und wirkt dortselbst als Textverarbeitung (Journalist, Autor und Übersetzer). Begann dann seine Karriere als freier Journalist bei "ÖH-Express", "Wiener" und "Musicbox". Seither Autor, Herausgeber und/oder (Chef-)Redakteur bei unzähligen Zeitschriften - von "Wienerin" über "Männer-Vogue", "City", "Gesunde Stadt", "Ahead" und "Ego" bis zu "IQ" und natürlich der Netzzeitschrift "EVOLVER". True-Crime-Buchserie (div. Verlage) mit Christian Lunzer. Hat eine ungesunde Faszination für Donald Duck, erschwörungstheorien und postapokalyptische Szenarien.

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