Mehr als gute Heurigen
Lokalaugenschein in Sooß: Die Thermenregion behebt kontinuierlich ihre Schwächen.
Dank eines beharrlichen, auf Winzer- und Agenturseite von weiblicher Seite betriebenen Medieneinsatzes hat das Winzerwandern in Sooß heuer über den Kreis der Einheimischen und Habitués der 19 Heurigenbetriebe hinaus Gäste angelockt. Gut so. Denn in die Thermenregionsgemeinde kommt man fast ausschließlich als Gast (s)eines Winzers. Diesmal waren aber Vergleiche möglich und gewünscht, was einige Erkenntnisse über einen Weinort ermöglichte, der das Prädikat traditionell gleichermaßen als Fluch und Segen trägt.
Das führt zu einer Betriebsstruktur, die einigermaßen anachronistisch ist, etwa wenn man sich den “Sorten-Bauchladen” der Betriebe ansieht (29 waren der gezählte Rekord beim Rundgang). Verkaufsdruck kennen die teils zu 100% vom ab Hof-Verkauf und der Ausschank lebenden Betriebe keinen, Marketingkosten fallen aber auch weg, dazu weiter unten mehr. Zudem wünscht der Heurigengast keine großen Experimente. So finden der anderswo bereits unter Artenschutz stehende Neuburger und der Blaue Portugieser hier ihre Heimstatt. Beides unkomplizierte Wein, die in den besten Jahren und Winzerhänden aber zu überraschen vermögen.
100 Cases
Burgundisch etwa schmeckt der Portugieser (Bild unten) in der Edelversion “100 cases” bei Christian Fischer (18 Euro). Dieser hält in Handel und Top-Gastronomie seit drei Jahrzehnten mehr oder weniger im Alleingang die Fahne des Sooßer Weinbaus hoch. Dass auch er sich ständig weiterentwickelt, zeigte beeindruckend der Zweigelt aus der “100 cases”-Linie. Herrliche Kirsch-Nase, auch Nougat im Duft, dazu ein samtiger Wein mit Länge und aus einem Guss. Eine echte “Skelettversion” des Zweigelts, die seine Kraft dem 22-monatigen Holzeinsatz verdankt. Die besten Trauben, die für die Cuvée Gradenthal vorgesehen sind, werden dafür noch speziell selektioniert. “Heuer brauchen sie noch”, klärt Fischers Neffe Jonas angesichts einer Handvoll Rotwein-Trauben auf. Er selbst blickt gerade über den Kosttisch, schenkt aber gekonnt nach (“Kennst unseren Trebernen schon?”). Um die nächste Generation braucht uns also nicht bang sein im Hause Fischer…
Ebenfalls unter das Stickwort next generation fällt Markus Sovik. Am alten Weinhaus steht zwar “Sowik”, aber warum das so ist, soll Ihnen der Winzer selbst erläutern. Der hat nämlich ein Faible für Genealogie und Geschichte, wie nicht nur sein Zweigelt Berglage zeigt, der den alten Namen Sooßer Berg in die Moderne rettet. Als echtes Schulungsmuster hingegen kann man seinen pikanten, mit Marille in Reinkultur punktenden Rheinriesling bezeichnen. Während er bei einigen Sorten noch selbst ein Suchender ist, hat er hier den Sortenausdruck perfekt gefunden. Gemeinsam mit den jungen Kollegen Ferdinand Krenn und Hannes Waldhäusl wird auch die Cuvée Trias gekeltert, die mit Zweigelt, Cabernet und Pinot eine ungewöhnliche Mischung aufweist und professionell vermarktet wird.
Hausnummernfrage
Verwirrung unter Sooß-Besitzern stiften gerne die beiden Schwertführers, als 35er und 47er anhand der Hausnummern unterschieden. Während der 47er vor allem mit seinem frischen Chardonnay und dem exzellenten Rotgipfler aus dem schwierigen Jahr 2010 punktete, zeigte die Spada-Serie beim anderen, dem 35er Schwertführer, auf. Speziell der Merlot, der auch aus dem noch fruchtlastigeren Jahrgang 2006 im Hause ist, bedeutet für Freunde stoffiger Weine einen echten Preis-Leistungstipp.
Denn eines sei nicht verschwiegen: Sooßer Weißweine bewegen sich bei den meisten Winzern zwischen 3 (!) und 5 Euro, Rotwein kommt selten über 10 Euro. Aber wie gesagt: Durchkosten empfiehlt sich, manche Jahre und Sorten liefern “lucky punchs”, in anderen droht auch wieder Durchschnitt.
Bezugsquellen:
Sooßer Weine kauft man wie erwähnt vor Ort.
Sovik, Rheinriesling 2010 – Euro 5 bei www.sovik.at
Schwertführer (“47er”), Rotgipfler Top-Edition 2010 – Euro 7 bei www.47er.at
Schwertführer (“35″), Merlot Spada 2009 – Euro 9,40 bei www.schwertfuehrer.at
Fischer, Zweigelt “100 cases” 2007 Fischer – Euro 30 bei www.weingut-fischer.at oder Weinwelt Wagner www.wagners-weinshop.com










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