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Ich will pinkeln! Ich will pinkeln!

Unglaublich: WIENER-Kolumnist Dirk Stermann verbringt mit Woody Allen und Charlotte Casiraghi vier Wochen in Frankreich – und langweilt sich. Also beschließt er, ins brennende London zu fl iegen und erlebt einen Schauspieler Gerard Depardieu, den ein dringendes Bedürfnis plagt.

In diesem Sommer habe ich nicht viel erlebt. Ich war vier Wochen in Frankreich. Cote d’Azur mit Woody Allen und Paris mit Charlotte Casiraghi. Die beiden ödeten mich an. Deswegen hatte ich vor, nach England zu  fliegen, um dort zwischen brennenden Autos und eingeschlagenen Fenstern eine Art Kick zu erleben. Ich buchte einen Flug von Paris nach Dublin. Ich irrte mich, ich weiß.

Dublin ist nicht in England, hätt’ ich selbst draufkommen können. Aber ich war durch die unglaublich fade Zeit mit Woody und Charlotte dermaßen hirntot, dass ich nicht nachgedacht hab. Können Sie sich das vorstellen? Ich hatte 22 Tage mit der schönen Tochter von Caroline von Monaco in einem plüschigen Pariser Liebesnest verbracht, vorm Hotel auf der Straße campierten Hunderte von Männern, alle verliebt in Charly, wie ich sie nenne. Sie stand nackt und verführerisch vor mir und lag nackt und verführerisch auf mir und hockte nackt und verführerisch neben mir, aber mir war einfach nur langweilig. Paris ist die „Stadt der Liebe“, ich weiß. Aber ich hatte auf dem Weg zu unserer Orgasmushölle im Quartier Latin Miriam Lahnstein und Isa Jank gesehen. Deswegen war Paris für mich die „Stadt der verbotenen Liebe“. Ich bin seit 4.000 Folgen als Zuschauer dabei und hab’ Miriam Lahnstein deshalb sofort erkannt. Arm in Arm mit Charly sagte ich: „Schau, Charly. Das ist Miriam Lahnstein. Sie ist seit Folge 109 das Serienbiest Tanja von Lahnstein. Sie sieht aus wie eine Nachrichtensprecherin vom NDR, ist aber ein Serienstar!“„Aha“, sagte die Prinzessinnentochter angeödet. Scheinbar kann man „Verbotene Liebe“ in Monaco nicht empfangen.

„Und die Dame daneben, das ist Isa Jank, sie spielt das Serienbiest Clarissa von Anstetten. Sie war am Anfang dabei, hat dann aber 10 Jahre pausiert und spielt seit heuer wieder mit. Findest du nicht auch, dass sie aussieht wie eine gealterte ZDF-Nachrichtensprecherin, Charly?“

Aber „Verbotene Liebe“ interessierte sie nicht. Wenn man so reich ist wie Charly hat man nichts übrig für öffentlich- rechtliches Fernsehen. Da hat man Pay-TV, Free-TV ist für die Angestellten. Ich hätt’ mich gern mit Charly über die beiden Serienbiester unterhalten, oder über Prinz Gregor I. Ritter von der Waldenau und Luise Fürstin von Waldensteyck. Intrigenadel – das war doch Charlies Welt, aber sie hatte überhaupt keine Ahnung, worüber ich sprach, also wurde es schnell unergiebig, mit ihr zu diskutieren. „Sieh mal, Dirk“, hauchte sie mir ins Ohr. „Das sind Schauspielerinnen. Die sind nicht wirklich adelig. Die tun nur so, alles klar? Komm“, sagte sie und zog mich in unser Hotel d’amour. Sie zog sich einfach nur wieder aus und schaute verführerisch, aber ich hatte zu so einer oberflächlichen Beziehung keine Lust.

Schon Woody Allen wollte nie mit mir gemeinsam in Nizza im Radisson Hotel am Boulevard des Anglais im Vorabendprogramm ARD schauen. Und da heißt’s immer, Allen sei filmverrückt. Also ließ ich die nackte und verführerische Charlotte in unserer sündhaft teuren Sündenauberge zurück um der Eintönigkeit gen England zu entfliehen. Stunden später saß ich in der Air France Maschine Paris-Dublin. Einige Reihen vor mir saß vom Fenster- bis zum Gangplatz der etwa 600 Kilo schwere Gerard Depardieu. Die Maschine rollte los, plötzlich hörte man Depardieu brüllen: „Ich will pinkeln, ich will pinkeln!“ Eine Flugbegleiterin versuchte den Schauspielerkoloss zu beruhigen. Er müsse nur noch kurz warten, bis die Maschine in der Luft sei. „Ich kann nicht warten“, brüllte der angetrunkene Depardieu und erhob sich von seinem Platz. Meine Sitznachbarin, eine deutsche Touristin, die mir sehr sympathisch war, weil sie in einer „Verbotene Liebe“-Fanzeitschrift blätterte, rief entgeistert: „Der wird doch nicht?“ – „Nein, nein. Keine Sorge“, beruhigte ich sie in den Worten von Charlotte Casiraghi. „Der ist Schauspieler, der muss nicht wirklich pinkeln. Der tut nur so.“

Und dann ist Gerard Depardieu aufgestanden und hat auf den Boden gemacht.

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Tuesday, 22.05.2012, 14:34 Uhr

Autorenprofil Dirk Stermann

Dirk Stermann
1965 in Duisburg geboren, seit 1987 in Wien, Kabarettist, Radiomoderator und Autor. Arbeitet seit 1988 für den ORF und ist seit 1990 eine Hälfte des TV-Duos Stermann und Grissemann.

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