“Ich unterstelle den Menschen gerne Klugheit”
Wie kommt es zu all dem? Die Frage packt Günther Paal seit jeher. Anlässlich seines neuen Programms plaudert Gunkl mit dem WIENER über Gott, das Hirn und die Welt – und eben darüber, wie es zu all dem kam.
Früher war er Weltmeister im Weggehen. Jetzt liest er lieber „Spektrum der Wissenschaft“ – und lässt sich inspirieren, zu genialen Kabarettprogrammen. Martin Thomas Pesl traf Günther “Gunkl” Paal in seiner Wohnung am Alsergrund.
Ihr neues Programm heißt „Die großen Kränkungen der Menschheit – auch schon nicht leicht.“ Was sind denn die größten Kränkungen?
Gunkl: Die klassische Kränkung: Wir sind nicht das Zentrum des Universums. Wir sind auf irgendeinem Planeten eines Sonnensystems, das zu einer Milchstraße gehört, die nicht aufregend ist und im Rahmen eines Galaxienhaufens irgendwo im Universum postiert. Wenn wir wichtig sein wollen, muss uns was Anderes einfallen. Denn man will ja schon leiwand sein, in sich. Auf dem Weg dorthin besteht aber die Gefahr weiterer Kränkungen. Wir sind nicht von Gott gemacht. Über diese Kränkung sind wir noch nicht hinweg. Freud und Co. haben als Erste aufs Papier gebracht, dass wir ein Altlastenpackerl umgeschnallt haben, wo man nicht genau weiß, wer wen durchs Leben führt. Jetzt wurde nachgeschaut, was im Hirn passiert, und das ist viel schlimmer, als was Freud herausgefunden hat. Man kann nämlich nicht sagen, mein Onkel hatte einen Spitzbart und darum fürchte ich mich heute noch. Im Hirn ist die Entscheidung, eine Taste zu drücken, eine halbe Sekunde gefallen, bevor ich das weiß. Das Ich ist eine Handpuppe, die man im Hirn erfunden hat, damit diese Handpuppe sich selbst versteht. Das kränkt schon.
Im „Donnerstalk“ sind Sie der Spezialist für eh alles. Wofür sind Sie in Wahrheit der Spezialist?
Ich bin kein Spezialist. Es gibt aber Interessensfelder, die ich auslasse: das Emotionale als Erlebnis und nicht als beobachtbares Ereignis. Ich bin nicht sehr gefühlsbetont, ich habe da einen blinden Fleck. Mein limbisches System ist ein Ödland. In den Darreichungsformen der Wirklichkeit bin ich schwach. Mich interessiert, warum etwas passiert.
Ihre Programme gelten als genial, aber anstrengend. Hatten Sie je das Gefühl, Zugeständnisse an den Massengeschmack machen zu müssen?
Jeder sollte auf der Bühne machen, was er sehen wollen würde. Konzessionen an einen Massengeschmack halte ich für perfide, das hieße, man unterstellt den Menschen Blödheit. Und ich unterstelle den Menschen gerne Klugheit. Ich will im Kabarett, dass mich jemand wo hinführt, wo ich noch nicht war und mir denke: aha, toll, arg. Und nicht, dass mich jemand dort, wo ich bin, annagelt, einen Stammtisch mit ein paar Girlanden umkränzt und das, was alle wissen und immer schon gesagt haben, ein bisschen lustiger ausformuliert.
Sie haben uns Ihr Musikzimmer gezeigt. Ist das regelmäßig in Verwendung?
In letzter Zeit mache ich die Musik hauptsächlich aus dem Laptop, den habe ich unterwegs mit. Ich war viel mit dem Dorfer unterwegs, so kann ich im Hotelzimmer irgendwelche Kontrapunkte basteln. Ich komponiere nur nach dem Ohrwaschl. Ich weiß, was ich höre, und für mich ist es anders schön, als das ein Herr Palestrina vorschreibt. Musiker sagen dann: Eigentlich geht das nicht, aber es ist in Ordnung.
Auch mit der Sprache vollbringen Sie hochkomplexe Kompositionen. Ist Ihnen die deutsche Sprache wichtig?
Sprache ist ein Werkzeugkasten. Wer mit dem, was da ist, Hammer, Säge, Schraubenzieher und ein paar Franzosen, etwas Außergewöhnliches macht, der interessiert mich. Aber Sprache zu beherrschen und damit nichts zu sagen, ist wie Tonleiterspielen. Wenn gewisse Sachverhalte, Tatbestände nicht mehr benannt werden können, weil es das Vokabel dafür nicht mehr gibt, dann wird es eng. Aber solange eine nachvollziehbare Zuordnung zwischen Gesprochenem und Gemeintem möglich ist, bin ich kein Sprachpolizist, der den ganzen Tag in Sack und Asche herumläuft.
Geht Ihnen das Schreiben leicht von der Hand?
Eigentlich nicht. Die ersten Programme sind geflutscht. Aber ich wiederhole mich ungern und habe auch den Anspruch, dass jemand möglichst viel von dem, was er sagen will, in knappen Gedanken abdeckt. So wird das Feld bald ziemlich schütter.








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