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Blitzbildung: Zum 100. Geburtstag von William Golding

Der WIENER liest für Sie Klassiker der Weltliteratur. Diesmal: den neben „Robinson Crusoe“ berühmtesten Inselroman. Sein Schöpfer würde im September 100.

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„Roger sammelte eine Hand voll Steine auf und begann zu werfen. Doch da war ein Raum um Henry, etwa sechs Meter im Durchmesser, in den er nicht zu werfen wagte. Unsichtbar, aber gebieterisch war hier das Tabu von früher. Das hockende Kind umgab der Schutz der Eltern und der Schule und der Polizei und des Gesetzes. Rogers Arm war durch eine Zivilisation gehemmt, die nichts von ihm wusste und in Trümmern lag“

Hier spüren die Burschen noch instinktiv, was die feine englische Art ist. Doch andere, rohere Instinkte lassen nicht lange auf sich warten.

Zu Beginn ist der Weltkrieg weit, weit weg, als bei einem Flugzeugabsturz nur 20 bis 30 (niemand zählt das so genau) britische Buben im Alter von 6 bis 13 Jahren überleben. Auf sich allein gestellt, stranden sie auf einer nur von Schweinen und Fliegen bewohnten Insel und tragen ihr Schicksal mit Fassung. Ihre Ziele: Spaß haben und gerettet werden. Der kluge Ralph wird zum Anführer gewählt, aber Jack, gewohnt, oberster Chorknabe zu sein, gräbt ihm erfolgreich das Wasser ab. Auf den dicken Piggy hört keiner, auch nicht, als er darauf hinweist, dass einer der Kleinsten nach dem ersten Abend nie mehr aufgetaucht ist…

Seine Geschichte über die in der Natur jedes Menschen lauernde Gewalt – als Symbol dafür dient ein Monster, das einige meinen, gesehen zu haben, das in Wahrheit aber nur in ihnen selbst die Zähne fletscht – machte William Golding berühmt. Der am 19. September 1911 geborene Engländer verkaufte seinen ersten Roman zuhause anfangs sehr schlecht, in den USA hingegen war er schnell Kult. Mit verheerenden Folgen: Zumindest den Titel „Herr der Fliegen“ kennt heute jeder, Golding schrieb nie wieder so erfolgreich, bekam aber den Nobelpreis 1983, und vor sieben Jahren startete die vom „Lord of the Flies“ inspirierte US-Gestrandetenserie „Lost“, die Millionen in den Wahnsinn trieb.

An der Oberfläche ein unberechenbarer Abenteuerroman mit minderjährigen Helden in einer auf dem Reißbrett entworfenen Extremsituation. Aber unter jedem Stein, jeder Muschel, die die Burschen umdrehen, versteckt sich ein allegorisches Symbol, der Roman ist eine geradezu religiöse Parabel. Wenn also – mindestens zwei Todesopfer später – am Ende alle in Tränen ausbrechen, weil sie angesichts eines Erwachsenen endlich wieder Kinder sein dürfen, wird das eine kurze Erleichterung sein, denn ihr eigener Krieg hat ihnen längst für immer die Unschuld geraubt.

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Monday, 21.05.2012, 16:59 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

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