“Atmen”: Ich sehe tote Menschen
Sehr österreichisch, sehr gut. Eine kleine Rezension zu Karl Markovics’ erstem eigenen Film.
Der junge Roman Kogler (Naturtalent Thomas Schubert), der als Teenager im Heim einen Kollegen umgebracht hat, sieht nun dem Leben nach der Jugendstrafanstalt entgegen. Sein bemühter, aber nervöser Bewährungshelfer (Gerhard Liebmann) drängt ihn, auf Jobsuche zu gehen. Aber Thomas ist den herkömmlichen Kontakt mit Menschen nicht gewohnt, auch im Gefängnis zieht er es vor, in der Schwimmhalle alleine seine Bahnen zu absolvieren. Die einzige Stellenanzeige, der er sich gewachsen fühlt: Aushilfe bei der Bestattung Wien. Und das macht er dann, durchaus mit einigen Schwierigkeiten.
Nicht, dass die Kollegen (allen voran Georg Friedrich – wienerisch, aber angenehm reduziert) ihn sofort ins Herz schließen würden – aber so beklemmend der Anblick toter Menschen ist, sie scheinen doch weniger unerfreulich zu reagieren als die Lebenden. Was genau in dem 19-Jährigen vorgeht, lässt sich freilich eher nur erraten: Er redet nicht viel.
Und dann ist noch die Sache mit der Mutter. Roman Kogler wurde als Kind weggegeben, wuchs in Pflegeheimen auf. Einmal liegt eine Frau Kogler, Mitte 30, auf dem Pathologietisch. Sie ist es nicht, aber dieses Ereignis lässt in Roman plötzlich doch eine Interesse an seiner Vergangenheit entstehen. Er fragt nach der Mutter und bekommt eine Antwort.
Die Szenen mit Karin Lischka als verbrauchter Frau und viel zu junger, gescheiterter Mutter, die beim Probeliegen auf einer neue Matratze bei Ikea von ihrem Sohn angesprochen wird, sind unfassbar berührend. Ihr Scheitern ist so ehrlich, dass es selbst dem gekränkten Sohn peinlich pathetische Hollywood-Ich-verzeihe-dir-Sätze verschlägt. Da lässt sich gar nichts dagegen sagen. Es ist zu hoffen, dass die einst als Burgschauspielerin massiv unterbeschäftigte Karin Lischka nach diesem Auftritt mehr Beachtung finden wird.
Filmkritik
Gefängnisse, Leichenhallen und der Südtiroler Platz – die Grundstimmung ist die eines typischen Austro-Dramas: ned so lustig. Was Karl Markovics’ „Atmen“ aber von anderen österreichischen Versuchen abhebt, die ein graues Wien zu zeigen, ist, dass hier kein Satz, keine Szene je zu viel ist. Das gibt eine unaufgeregt erzählte, aber umso packendere Handlung, in der die famosen Darsteller sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. So lässt sich mühelos glauben, dass Geschichten wie diese – trist, aber nicht ganz hoffnungslos – auch bei uns vorkommen können.
„Atmen“, Regie: Karl Markovics, mit Thomas Schubert, Karin Lischka, Georg Friedrich, Gerhard Liebmann u.a. läuft ab 30. September in Wien exklusiv im Gartenbaukino.








Userkommentare