An der Tankstelle
„Keine Ahnung, keine Erklärung. Aber an Tankstellen wird übermäßig geglotzt.“
Sommerzeit war auch für mich Reisezeit. Diesmal mehr und länger, als mir lieb war. Ich könnte jetzt versucht sein, meine Eindrücke von langen Autoreisen mit Dreijährigen zu verarbeiten. Solche bei Hitze ohne Klimaanlage und Stau auf der elenden Westautobahn, die immer, immer und zwar dauernd Baustelle ist, jahrelang, jahrzehntelang. Und keiner kann mir erklären, warum, irgendwann muss die doch gut sein und befahrbar und dreispurig und mit einem Bodenbelag, der mehr als zwei Frostnächte und 5 Autos aushält ohne wieder so bröckeln! Und diese bodenlos provokanten Smileyschilder, die je nach Laune die noch zu fristenden Kilometer ankündigen. Wäre ich Graffitikünstlerin, hätte ich sie schon längst mit massiv erigierten Mittelfingern übersprayt. „Staut‘s ihr nur, ihr Seppeln, zahlen tut‘s den Zustand eh‘ auch!“ Mach ich aber nicht. Ich will das alles verdrängen und vergessen. Forever.
Lieber teile ich jetzt die Ergebnisse meiner empirischen Tankstellensozialstudie dieser Saison mit. Was haben wir da? Die Pächter, meist bemüht. Mit zwei oder drei leidenden Angestellten. Huscht man durch den Shop, gleich zur Toilette, wird man von Blicken aufgespiesst und steht als Häuselschmarotzer da. Okay, dann tankt man halt vorher, mit voller Blase. Geht durch den Shop, mit platzender Blase. Bezahlt den Kram, den man wollte oder auch der einem von kleinen Mitreisenden abgeschwatzt wurde, wie z.B. eine Hello-Kitty Schneekugel oder ein Dinosauriermegafuneis mit Kaugummisockel. Alles aus einem Material, das spätestens bei Kilometer 4 nach Kaufort zersprungen ist oder den Geschmack verloren hat.
Dann traut man sich auf die Toilette. Meist geht der Weg vorbei an die Have-a-break or Coffee-to go Bar. Alles englisch auf einmal an den Autobahntankstellen, alles starbucksig, alles urehip. Hier hängen dann auch tatsächlich Stammgäste ab. Drei, vier Männer aus der Umgebung, mittleren Alters. Manchmal ist auch eine Frau dabei, die hat immer eine rauchige Stimme von den 30 Jahre/60 Tschick am Tag. Und die glotzen. Und reden etwas in einem Dialekt, den man nicht versteht, auch wenn man sogar ursprünglich aus der Gegend ist. Ich tippe daher auf eine internationale Tankstellenjargon, der sich einem erst erschliesst, wenn man selber Stammgast wird. Hat sich bei mir aber noch nicht ergeben, das Hobby.
Wieso genau aber glotzen die? Man ist weder hochhackig noch sandlermässig unterwegs, sondern im unauffälligen Reiseschlurfdesign. Es handelt sich auch nicht um einen Bergbauernhof, sondern eine Autobahnraststätte, also da sind eigentlich schon Menschen, die müssten das gewöhnt sein. Und wenn man aus dem Klo zurückkommt glotzen die noch immer. Sagen dann oft nichts mehr. Wenn ich nicht mit mir selber so stimmig wäre, hätte ich denken können, es wäre meine Nase. Aber die ist es wohl nicht. Keine Ahnung, keine Erklärung. Aber auf Tankstellen wird wirklich übermässig geglotzt.
Naja. Und dann ist mir letztens beim Rausgehen auf die Strasse aufgefallen, dass ich ein Stück Klopapier am Fuss mitschliff. Ein langes, 4 Blatt, locker. Und weil immer geglotzt wurde, muss ich davon ausgehen, dass ich bei jeden Tankstellen-mit-Klo-Besuch Klopapier am Schuh hatte. Und eine weltweite Berühmtheit bin. The Toiletpaperlady. Wahrscheinlich gibt es schon Facebookforen mit Fotos von mir. Papier am Schuh in Lindau. Papier am Schuh in Ancona. Papier am Schuh in Lofer. Suche jetzt diesbezüglich spezialisierte psychologische Betreuung. Hinweise unter „Oft host a Pech“ bitte an den Verlag. Danke.


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