9/11 – Der Tag, an dem ich zum Geist wurde
Er hörte das Donnern der Turbinen. Er sah, wie die Jets in das World Trade Center krachten. Er erlebte New York im Ausnahmezustand. Hautnah. Im WIENER erinnert sich Herbert Bauernebel an den Tag, der vor zehn Jahren die Welt veränderte.
Das Dröhnen der Flugzeug-Turbinen schreckt mich auf. Es ist laut, viel zu laut eigentlich. Zu nahe auch. Seit zweieinhalb Jahren lebe ich mit meiner Frau Estee (38) nun in New York in Manhattans Finanzbezirk, arbeite als US-Korrespondent für das Magazin „News“. Von unserem Apartment im 31. Stock ragen vier Blöcke westlich die 417 Meter hohen Kolosse des „Word Trade Center“ (WTC) auf.
Es ist ein besonders schöner Morgen. Die Sonne klettert in den azurblauen Himmel. Bei 20 Grad weht eine leichte Spätsommerbrise. Die Rasterfassade der Twin Towers glitzert in den Sonnenstrahlen. Doch plötzlich dieser Lärm: Wie gelähmt sitze ich vor dem Laptop mit dem Morgenkaffee, als das Tosen rasch ohrenbetäubend wird. Plötzlich plärren die Turbinen los, voller Schub. An den Rest erinnere ich mich, als wäre alles in Zeitlupe geschehen: der dumpfe Knall, die grellen Explosionsflammen, die Unmengen an Papier, die im schwarzen Qualm aus dem Krater in der Fassade schießen – und nun fast schaurig schön durch den Hochhauswald segeln. Die Fenster vibrieren. Mein Herz pocht bis zum Hals.
Es ist 8:46 Uhr, der 11. September 2001. Die schlimmste Terrorattacke der Menschheitsgeschichte hat begonnen.
Estee, in der sechsten Woche schwanger mit unserem ersten Kind, kommt aus dem Schlafzimmer: „Was war das?“ Ich berichte ihr das Unvorstellbare: Ein Flugzeug ist in den WTC-Nordturm gekracht. Sie starrt stumm nach oben, blickt stoisch auf die wie von einem Fanal wegwehende Rauchfahne. Die ersten verkohlten Papierstücke landen bei uns am Balkon. Ein Unfall, klar: Mögliche Szenarien werden in den „Breaking News“ auf CNN besprochen. Was New York, Amerika und die Welt in diesen ersten Schrecksekunden noch nicht weiß: 19 Al-Kaida-Terroristen haben vier Jumbos gekapert, Selbstmordpiloten in den Cockpits verwandelten die Jets in tödliche Missiles. Nach dem ersten Crash ist ein weiterer Jumbo am Weg nach New York, ein anderer im Anflug aufs Pentagon. Der vierte mit Kurs auf D.C. wird später bei einer Passagier-Revolte abstürzen. 2.977 Menschen sterben wegen „Nine Eleven“, wie die Amerikaner ihren finstersten Tag nennen. Der Terrorhorror lähmt die berühmteste Weltmetropole New York, reißt die Welt in die Krise und führt die USA in zwei Kriege.
„Bitte geh nicht…“
Doch noch herrscht Wunschdenken, ein paar Minuten noch: Ein Pilotenfehler? Lotsenirrtum? Technisches Gebrechen? Doch dann: Wieder höre ich die Jetturbinen. Ich weiß genau, was passieren wird: Das Aufheulen, der dumpfe Einschlag, der durchdringende Explosionslärm, das gespenstische Echo aus den Hochhausschluchten. Ich hocke jetzt, immer noch am Telefon mit einem Kollegen in Wien, unter dem Schreibtisch, rufe ein ungehobeltes „SHHHIITT!“ in den Hörer.
Zum Schock und Unglauben des ersten Jumboeinschlages gesellt sich jetzt lähmende Angst. Durch meinen Kopf hallt: „Wir werden angegriffen!“ Draußen hat sich das Sirenengeheule der hunderten, weiter heranrasenden Löschzüge der New York Feuerwehr (FDNY) zu einem unheimlichen Konzert intensiviert. Zwei Rauchfahnen wehen nun in den blitzblauen Himmel. Die Metropole ist schwer getroffen. Ich muss los, auch wenn Estee mich beschwört. Sie hält meine Hand: „Ich habe kein gutes Gefühl“, sagt sie: „Bitte geh nicht …“ Ich beschwöre sie, dass ich aufpassen, mich oft melden werde.
Dicht gedrängt stehen Tausende auf den Straßen, wie angewurzelt: Fassungslos starren sie auf die Feuerinfernos hunderte Meter über ihnen, diskutieren den Horror in all den verschiedenen Sprachen der für New York so typischen Multikulti-Bevölkerung. Ich laufe zur Fußgängerzone direkt zwischen den brennenden Türmen. Trümmer liegen herum, Stahlträger, Glas, Jumboteile, der Boden ist bedeckt von Staub und Papierstücken. Wie in Trance schwenkt mein Blick über den Platz. Eine Frau sitzt im Schock erstarrt am Gehsteig, Notärzte drücken ihr einen Mullverband an die Schläfe, das Gesicht ist verbrannt, Blut quillt aus einer klaffenden Wunde am Oberarm. Ich sehe Feuerwehrmänner ins Gebäude laufen. In ihren Gesichtern: Todesangst. Kein beruhigender Anblick bei Männern, die sonst ohne zu zögern in brennende Gebäude laufen. Sie tragen 35 Kilo Ballast (Tanks, Schläuche, Äxte), sollen damit 90 Stockwerke zu den Brandherden hochsteigen. Was niemand ahnt: Die Türme stehen knapp vor dem Einsturz. Im Nordturm etwa wurden 35 der 236 Außenpfeiler durchschlagen, die Explosion blies den Feuerschutz weg, die Gluthitze (1.100 Grad Celsius) weicht die Träger auf.
Herbert Bauernebel ist Autor des Buches “Und die Luft war voller Asche: 9/11 – der Tag, der mein Leben veränderte“, erschienen 2011 bei Bastei Lübbe. (Hardcover, 270 Seiten, ISBN: 978-3-7857-2423-1, Euro 18,99)







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