Lord Kelvin, Herr Lustig
Spätestens wenn Sie einen treffen, der jeden Satz mit einem gesungenen „Waaaßt as eh?“ beendet, wird Ihnen klar, dass Sie bisher nichts gewusst haben. Und dass es gut war. Episode 3.
Es war Lord Kelvin, der Entdecker des absoluten Nullpunkts, der im Jahre 1900 proklamierte: „Da es nun nichts mehr Neues in der Physik zu entdecken gibt, verbleibt uns nur die Aufgabe, alles noch präziser zu messen.“
Yeah – suck on this, Einstein! Seit ich dort wohne, wo ich jetzt wohne, gelange ich immer mehr zu dem Schluss, dass der alte Brite recht hatte. Hier sind dem Volk sämtliche Fakten über die Realität bereits bekannt. Es gibt keine Fragen mehr, weil alles längst beantwortet ist. Und dieser bemerkenswerte Erkenntnisstand lässt sich in nur zwei Buchstaben perfekt ausdrücken: „eh“.
Während das Wörtchen „eh“ in Wien mehr lakonisch („Und, ois leiwand?“ „Eh.“), zerstreut („eh scho wissn …“) oder großspurig bis resigniert („Eh kloa!“) eingesetzt wird, dient es in der Provinz vor allem der Dialogvermeidung. Was soll man schon darauf sagen, wenn einen jemand mit den Worten „Is eh olles in Ordnung bei Ihnen?“ attackiert? „Nein, leider überhaupt nicht, mir sind gestern vier Hämorrhoiden geplatzt“? Das will der gar nicht hören, das stört ihn nur, da schaut er einen böse an, also entgegnet man lieber: „Jaja.“
Verschärft wird die Situation noch beim Besuch im Landgasthaus, wo man gerade ein paar fasrige Stücke unbekannter Provenienz, dazu lauwarmen Brei und einen Teller letscherten Salat in sich hineingezwungen hat – und dann ragt eine blondierte Walküre von Kellnerin neben dem Tisch auf, eine von denen, die in jeder Hand sechs Bierkrügeln tragen können und im Dekolleté noch zwei, und fragt: „War’s eh guat?“ Na, no na. Sowieso. Super. Und wehe, Sie wagen es, blöde Fragen zu stellen, zum Beispiel: „Bitte, wo liegt denn der Hammer, mit dem ich mir die Idee vom friedlichen Landleben aus dem Kopf schlagen kann?“ Unweigerlich werden Sie zu hören bekommen: „Eh da drübn.“ (Zu deutsch: „Du Trottel, das weiß eh jeder, nur dir muss man’s extra sagen.“)
Gelegentlich wird die Verbalflak auch humoristisch eingesetzt – wie etwa in der regional beliebten Anekdote vom Herrn Lustig, einem Sommerfrischler und Hobbyfischer, der eines Tages beim Angeln in der Donau auf die krause Idee kam, zwei Liter warme Kuhmilch zu konsumieren. Die darauffolgende heftige Darmregung ließ ihn sodann verkrampft, im Chuck-Berry-Entengang, den Weg vom Ufer über die Straße zum Klo in der Ferienpension antreten. Aber zu spät… schon wurde die Anglerhose zur Erwachsenenwindel, wenn auch keiner allzu dichten. Worauf hinter ihm ein kecker Einheimischer rief: „Geht’s da eh guat, Herr Lustig?“ Der Lustig – ein Ingenieur übrigens, wie es die Legende will – war natürlich ein „Weana“. Oh ja, die lieben uns hier.
PS: Seit zwei Wochen beißen und stechen die Insekten. Ich hasse Insekten. „Warum ist er dann ausgerechnet aufs Land gezogen?“ wird sich jetzt so mancher Leser fragen.
Peter Hiess lebte viele Jahrzehnte in Wien. Jetzt entschloss er sich, in die Provinz zu übersuedeln.Wie sich das anfühlt, erfahren Sie hier.







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