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Kunst

Ciao Lola!

Zum Maybach-Projekt des amerikanischen Künstlers Julian Schnabel in Venedig trafen sich alle Yachtbesitzer dieses Planeten. Der WIENER war – Österreich-exklusiv – dabei.

Es ist ein heftiges Love-in. Sir Norman Rosenthal, Kurator der Schau, erläutert „seinen“ Julian Schnabel, den er seit 30 Jahren kennt, das ist weniger der Regisseur Oscar-nominierter Filme (Before Night Falls, Schmetterling und Taucherglocke), das ist vielmehr der neo-expressionistische Künstler, Meister der Scherbenmalerei, dessen Rang er irgendwo zwischen Joseph Beuys und Andy Warhol positioniert.

In der Tat war es Beuys, erzählt Rosenthal, der mal sagte, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Allerdings sollen wir uns nichts vormachen: Es gibt nur einen Julian Schnabel, und wir, die da in den noblen Hallen des Museo Correr an der Piazza San Marco versammelt sind, sollten uns glücklich schätzen, Mister Schnabel unter uns zu finden.

Es ist bekannt, dass Schnabel es ähnlich sieht, berühmt sein provokanter Satz, dass er das „zu Picasso nächste Ding“ ist, das wir „in diesem verdammten Leben je finden werden“. Aber jetzt und hier, umrahmt von seinen Monstergemälden wie „Anno Domini“, ist er bereits aufgeliebt und entsprechend demütig, gibt Rosenthal alle Zuneigung retour und erzählt uns, den versammelten Galeristen und Journalisten, dass er sehr wohl auch erlebt hat, „hier zu sein und niemanden zu kennen und keinen Platz für die Werke zu kriegen“.

Hot Spot Venedig

Venedig also. Es sind die Tage vor Eröffnung der diesjährigen Biennale, es riecht aufreizend nach Kohle, „so stark war es noch nie“, erzählt mir Mirko Mayer, ein Kölner Galerist, früher war gerade mal die eine oder andere Yacht zu sehen, heute „sind sie alle da“. Im Westen, unweit des Museo Navale, liegt Steven Spielbergs blaues Monster vor Anker, gegenüber San Marco, im Canale Giudecca, herrscht regelrechter Yachtstau. Madonna ist hier, Leonardo diCaprio ist hier. Und Salman Rushdie. Und und. Eben alles, was einen Namen nebst ein paar lockeren Millionen im Sack hat. Julian Schnabel weiß, warum er im Museo Correr eine Gesamtschau seiner Werke präsentiert. Wenn zehn Minuten in der Gondel 100 Euro kosten, was wird wohl ein originaler Schnabel wert sein?

Aber deswegen sind wir nicht hier. Nicht wir, die da eigens von Patrick Marinoff, Brand Manager von Maybach, eingeflogen wurden. Wir sind wegen eines Maybach hier, der wie alle gepanzerten Maybachs routinemäßig von schweren Geschossen zersiebt – und zufällig von Schnabel erspäht wurde. „Er hatte Einschusslöcher und zerborstene Fenster und gefiel mir immens“, erzählt Schnabel, „also fragte ich, ob ich ihn haben konnte.“

Jedes Loch steht für eine Frau

Dieser Maybach würde dich neu 600.000 Euro ärmer machen. Heute ist sein Preis wohl unschätzbar, weil Schnabel ihm seine Kunst angedeihen ließ, das heißt, die ersten dekorativen Elemente wurden von seinem Protegé Vahakn Arslanian vollbracht, Zeichnungen von Schusswerkzeugen, die innen an die Fenster des Wagens fixiert wurden. Schnabels künstlerische Aufmerksamkeit galt den Einschusslöchern, für die er eine Idee hatte: „Jedes Loch soll den Namen einer Frau, die in meinem Leben wichtig war oder ist, bekommen.“

Mirko, der Kölner Galerist, war skeptisch. „Was kann man aus einem Auto schon rausholen“, raunte er mir zu. Melanie, charmante Muse von Mercedes und unsere Gastgeberin in Venedig, verriet, dass man auch bei Maybach besorgt war, „es ist eben riskant, ein Auto, das für seine Sicherheit bekannt ist, so zersiebt zur Schau zu stellen“. Ich war auch skeptisch, die Idee „ein Frauenname für jedes Loch“ roch etwas nach dem Signaturwerk der britischen Künstlerin Tracey Emin („Jeder Mann, mit dem ich je geschlafen habe“). Ist die Mehroderweniger-Kopie einer Idee noch eine Idee?

Coole Koproduktion

Andererseits: Vor zwei Monaten, am 4. April, wurde in Jerusalem der Friedensaktivist Juliano Merr-Khamis in seinem Auto erschossen, und Merr-Khamis hatte in Schnabels letztem Film – Miral (nach dem Buch der umwerfenden Schnabel- Freundin Rula Jebreal) – mitgespielt. Könnte das eine Inspiration fürs Maybach-Projekt gewesen sein?

Der Maybach war auf einer Anlegestelle vor dem großartigen Palazzo Polignac am Canale Grande vertäut. Schnabel geleitete uns persönlich zur Besichtigung, und kaum war das zur Kunst erhobene Fahrzeug in Augenweite, verflog die allgemeine Skepsis. Die Skepsis des Kölner Galeristen, weil er im Künstler Schnabel plötzlich eine Seite sah, die er noch nicht kannte. Meine, weil das Ding viel netter aussah als etwa John Lennons dummer Rolls Royce. Nichts Weltbewegendes, aber charmant. Und die Maybach-Sorgen waren ohnehin nicht angebracht – diese Koproduktion ist cool. Punkt.

Die Schusslöcher, ich zählte 159, nebst den Frauennamen, wecken das Kind in dir, man beginnt zu suchen, der Name der „meinen“ war leider nicht dabei. Prominent aber „Stella“, so heißt eine Schnabeltochter, eine zweite heißt „Lola“, dieser Name war vom Kanal her weithin sichtbar, tatsächlich gondelte ein Bootsmann an uns vorbei, grinste breit und rief „Ciao Lola“. Und das ist es wohl, was das Projekt ausmacht, ein ramponierter Wagen war nun was Nettes.

Die Verwandlung der Gewalt

Endlich fand sich auch Zeit, Julian Schnabel die Frage zu stellen. Wie ist das mit dem Maybach und Merr-Khamis, meinte ich, gibt es da eine Verbindung? Seltsamerweise war Schnabel zunächst aufgebracht, „das mit dem Maybach ist ein Scherz, das mit Merr-Khamis war keiner“, schnaubte er, besänftigte sich aber alsogleich. Nein, keine Verbindung, und bleiben wir doch bitte ganz beim Maybach. „Die Sache mit den Schusslöchern ist simpel“, sagte er, „du bist mit etwas Gewalttätigem konfrontiert, und dieses Gewalttätige wurde in etwas Gewaltfreies verwandelt.“ Mehr sei da nicht. Bis auf eines: „In ein paar Monaten werde ich mit dem Maybach durch New York fahren“, schloss Schnabel.

Und das ist es dann wohl, was man unter einer künstlerischen Botschaft verstehen kann. Peace, Leute! Die Amis brauchen mitunter eine entsprechende Ansage, nicht wahr.

Rauschendes Fest

Die abendliche Gala im Palazzo Polignac geriet zum rauschenden Fest. Naomi Campbell, Charlotte Casiragi, Salman Rushdie, die gesamte Kunstwelt, Hans Hollein, alle waren da. Julian Schnabel, zuvor nur aufgeliebt, war jetzt aufgeliebt und besoffen und tanzte mit seiner Rula.

Der Zufall wollte es, dass Schnabels Tochter an „unserem“ Tisch zu sitzen kam, nicht nur sie, sondern auch das restliche Veryyoungvolk, allen voran die Söhne des Milliardärs Peter Brant, fast hätte ich Schnösel gesagt – und sogar die 17-jährige „Tochter“ von Salman Rushdie, ihres Zeichens und laut Kölner Galerist so „gefährlich wie ein Samuraischwert“. Zu seinem Leidwesen verglich sie lieber mit den Brantsprösslingen Yachtgrößen als mit ihm Kunstpläne zu schmieden, mein Problem mit ihr – wenn auch viel später – war, dass ich trotz intensivster online-Recherchen keine Rushdie-Tochter finden konnte. Dieser Rushdie wird offenbar nie erwachsen.

Und so wurde es Nacht in Venedig, demnächst ist Basel an der Reihe, wird die gesamte Kunstwelt dort versammelt sein, wenn auch minus des Großteils der Celebrities. Die Schwäche der Schweiz ist ihre Unerreichbarkeit per Yacht. So wird es immer bleiben.

Mehr zum Thema finden Sie hier: “Vernissage. Julian Schnabel in Venedig”

JULIAN SCHNABEL: Geboren am 26. 10. 1951 in Brooklyn, New York, Kunststudium in der Uni Houston. Erste Ausstellung: Arts Museum Houston, 1976. Arbeiten u.a. in Guggenheim Museum (N.Y.), Tate Gallery (London), Centre Pompidou (Paris). Gegenwärtige Exhibition in Venedig: „Permanently Becoming and the Architecture of Seeing“ im Museo Correr. Laufendes Projekt: „The Ones You Didn’t Write – The Maybach Car“. Filme: Basquiat (1996), Before Night Falls (2000, Oscar-Nominierung für Javier Bardem), The Diving Bell & the Butterfly (2007, Oscar-nom.), Miral (2009). Persönliches: Töchter Lola und Stella sowie Sohn Vito von erster Gattin Jacqueline Beaurang; Zwillingssöhne Cy und Olmo von zweiter Gattin Olatz López Garmendia. Schnabel lebt heute in New York mit der palästinensischen Autorin Rula Jebreal, deren Roman Miral er verfilmte. Er hat Häuser auf Long Island und in San Sebastian, Spanien.
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Monday, 21.05.2012, 16:02 Uhr

Autorenprofil Manfred Sax

Manfred Sax
Manfred Sax, bekennender Erotomane, Raucher, WIENER-Urgestein, Blogger für "Zeit im Blog 21", lebt in Winchester

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