Catch Me If You Can
„Skyrunner“ Christian Stangl hat’s vorgemacht. Tausende tun es ihm gleich: Sie besteigen den K2 nicht. Der WIENER trifft zwei „Geocheater“ und lässt sich erklären, wie „So tun als ob“ zum Volkssport wurde.
Das Urban Dictionary, die Messlatte aller Neologismen und Slang-Wörter, hat „pyrkern“ bereits geadelt und in sein Verzeichnis aufgenommen. Ein, zugegeben, etwas sperriges Verb mit nicht minder sperriger Definition: „ein Akt des Geocheatens; wenn man seine Anwesenheit an einem Ort behauptet, ohne tatsächliche physische Präsenz. Am häufigsten in Verbindung mit Geolocation-Services und Social Networks.“
Einfacher erklärt: Man schwindelt unter Verwendung entsprechender Smartphone-Services und -Apps über seinen wahren Aufenthaltsort, dass sich die Balken biegen und macht die Menschheit (oder zumindest verdutzte Bekannte) glauben, man stünde auf einem der Welt höchsten Gipfel, während man tatsächlich im Wiener Gänsehäufl sonnenbadet…
Das ist irgendwie ulkig, wie die Web-Gemeinde derzeit findet. Kultig geradezu. Der WIENER war dem Phänomen auf der Spur und traf zwei, die ganz vorn dabei sind: Richard Pyrker, auf dessen Nachnamen das (Un)wort zurückgeht; und Gerald Bäck, Web-Aktivist und Alpha-Schummler der ersten Stunde. Beide haben die Kunst des Nicht-Da-Seins zum Sport erhoben, aber ja, sie waren bei unserem Treffen anwesend. Physisch.
Massentreffen am K2
„Der erste Ort, an den ich mich gecheatet habe, war das Büro“, sagt Bäck, „Und danach schon – inspiriert durch Stangl – auf den K2.“ Dort war Bäck nicht allein. Die Bezwingung des Achttausenders durch ca. 700 österreichische Geocheater (gleichzeitig!) ist inzwischen legendär…
Der Trick ist leicht: Es geht darum, die GPS-Daten des Handys so zu verfälschen, dass diverse Apps den gefälschten Standort glauben und entsprechend weiterleiten. Für Tüftler und Hacker keine große Sache, für Otto-Normal-Verbraucher inzwischen auch nicht, denn: „There’s an App for that!“ – Und nicht bloß eine.
Während „Fake Location“, das GPS-Fälscher-Tool schlechthin, anfangs nur, wenn man so will semi-legal für iPhones mit Jailbreak erhältlich war, kann man ganz ähnliche Apps inzwischen offiziell im iTunes-Store (bzw. für Android) herunterladen. Ein Jailbreak (=das Knacken der Nutzungseinschränkungen von Apple), ist dadurch gar nicht mehr nötig. Jeder kann, darf und tut. Die Frage bleibt bloß: Wozu?
Bäck: „Eins vorweg: Die Polizei und der Provider lassen sich nicht täuschen, denn die erfassen deinen Standort nicht via GPS, sondern anhand der Zellinformation des Handys. Sonst könnte dich ja niemand anrufen. Um sich ein Alibi via Zellinformation zu verschaffen, müsste man das Handy schon mit jemandem anderen auf die Reise schicken.“ Aber: Freunde, Kollegen, die bessere Hälfte – und nicht zuletzt sämtliche Social Networks – lassen sich schon hinters Licht führen.
Graffiti für Stubenhocker
Für den Erfinder des „Pyrkerns“ steht jedoch nicht die Betrugsabsicht im Vordergrund, sondern die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen: „Es ist ein Statement, mit dem man durchaus etwas erreichen kann. Via Foursquare haben viele Leute in dem ägyptischen Präsidentenpalast eingecheckt – jene, die tatsächlich dort waren ebenso, wie solche, die es nicht waren. Das war ein starkes Signal dafür, dass Menschen weltweit die Vorgänge in Ägypten beobachten.“ Natürlich: Eine ähnliche Solidaritätsbewegung ließ sich auch auf Twitter und Facebook erkennen, aber: „Was Twitter und Facebook noch nie geschafft haben, war eine konkrete Verortung. Ein Ort ist ein starkes Symbol.“
Pyrker ist überzeugt: „Check-In Dienste (und künftig auch Augmented Reality) werden immer stärker verwendet – nicht nur, weil es die Technik ermöglicht, sondern, weil es wirklich Sinn macht. Weil man ein Zeichen hinterlässt. Die Graffiti Kultur ist genau das: Du hinterlässt vor Ort ein Zeichen.“ Dank Geocheating und Location-Based-Services darf das nun auch der Familienvater machen, ohne dass er dafür die Spraydose in die Hand nehmen muss. „Insofern hat Geocheating immer Sinn, egal welches System man verwendet.“
Klar, den Ehrgeiz kitzelt es auch ein bisschen. Dieser Artikel wurde beispielsweise in Osama Bin Ladens Versteck verfasst. Dort treiben sich derzeit die Massen herum. Nachzuprüfen am Handy der Autorin.
VOLKSSPORT IN INDONESIEN: Was hierzulande als Spleen vereinzelter Tech-Freaks gilt, ist in Indonesien längst Mainstream. So fanden sich unlängst z.B. ca. 3000 Indonesier in den Tiroler Alpen, um bei einem Spiel von Sony Ericsson dabei zu sein. Oder auch nicht…



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