WIENER
Depeschen aus der Provinz

Wienwoche? Nein, danke!

„Won’t you tell me – where have all the Gscherten gone?“ Nach Wien natürlich. Deswegen will man ja raus aufs Land. Episode 2.

Letztens hatte ich in Wien zu tun. So ist das leider, wenn man in der Provinz wohnt: Für ein paar Erledigungen muss man doch die einzige Großstadt Österreichs aufsuchen. (Deshalb habe ich auch nie Kärntner Bekannte verstanden, die sagten: „I foah lei noch Wien ausse!“ Darauf konnte ich nur entgegnen: „Nein, du fahrst nach Wien eine. Ausse fahrt ma zu dir!“

Wo war ich? Ach ja, in Wien. Drinnen. An einem heißen Frühsommertag im Ringwagen, zu einem Fahrkartenpreis, mit dem man früher einen halben Tag Hochschaubahn hätte finanzieren können. Im wie immer ungelüfteten Waggon eine Klasse Schulkinder aus der Steiermark, die fröhlich bellten und dafür von ihrer Begleitlehrerin angebrüllt wurden: „JETZT SEIDS DOCH ENDLICH EIN BISSL LEISER, DA SIND JA NOCH ANDERE LEUTE IN DER STRASSENBAHN!“ Ihre Stimme ließ die Fensterscheiben erzittern und besagte andere Leute aus den Ohren bluten. Und ich dachte bei mir: Wienwoche. Die schlimmste Erfindung seit der Atombombe.

Schon in jungen Jahren rief ich stets Gott oder sonstwen da oben an und klagte: „Bitte, um Himmelswillen, bringts doch die nicht alle nach Wien und zeigts ihnen was! Die wollen ja dann irgendwann da her!“ Und recht hatte ich, wie so oft. Während wir Hauptstadtschüler zu „Schullandwochen“ irgendwo in die Einöde verschickt wurden und uns daraufhin feierlich schworen, niemals wieder die Heimat der Gscherten aufzusuchen, kamen und kommen die Gscherten massenweise nach Wien. Zum Arbeiten, Foaaaatgehn und vor allem zum Studieren. Gasthäuser, Kulturinstitutionen und Redaktionen sind voll von ihnen.

Manchmal, als ich noch nicht dort wohnte, wo ich jetzt wohne, kam ich mir in meinem Bekanntenkreis vor wie der einzige Wiener. (Jetzt bin ich der einzige.) Schon vor 30 Jahren saßen in den Szenelokalen obergscheite Vorarlberger, die den Umliegenden – glauben Sie mir, es waren Umliegende, wenigstens ab einer gewissen Uhrzeit – in ihrem sinnlosen Dialekt erklärten, dass in Wien absolut nichts los sei und dass man nach New York müsse. „Geh bitte, schleichts euch“, sagte ich zu denen. „Ich geb’ euch einen Hunderter für den Flug.“ Und ja, sie flogen, versagten und kehrten mit eingezogenen Schweifen ins Ländle zurück. Oder nach Wien, wo für Versager aus den Bundesländern immer Platz ist. Nun treffen sie sich alle paar Tage am Westbahnhof, diese Überbleibsel von den Wienwochen der vergangenen Jahrzehnte, und starten als nützliche Idioten (nein, ich weiß auch nicht, wozu sie nützlich sind), eine Demo mit schlechten Parolen und einem gscherten DJ, der sich originell „Almdudler“ nennt.

Begreifen Sie jetzt, warum es da draußen in der Provinz so angenehm ist? Weil die alle nicht mehr da sind. Und weil sie auch nicht mehr zurückzukommen brauchen. Ihre Eltern wollen sie nämlich nicht mehr – und ich schon gar nicht.

Peter Hiess lebte viele Jahrzehnte in Wien. Jetzt entschloss er sich, in die Provinz zu übersuedeln.Wie sich das anfühlt, erfahren Sie hier.
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Userkommentare

1 Kommentar zu diesem Artikel | Kommentar schreiben
  • 5. Juli 2011 von wtf:

    das arschloch steht wohl jeden tag mit dem falschen fuß auf.

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Saturday, 25.05.2013, 10:09 Uhr

Autorenprofil Peter Hiess

Peter Hiess
Geboren 1959 in Wien; lebt und wirkt dortselbst als Textverarbeitung (Journalist, Autor und Übersetzer). Begann dann seine Karriere als freier Journalist bei "ÖH-Express", "Wiener" und "Musicbox". Seither Autor, Herausgeber und/oder (Chef-)Redakteur bei unzähligen Zeitschriften - von "Wienerin" über "Männer-Vogue", "City", "Gesunde Stadt", "Ahead" und "Ego" bis zu "IQ" und natürlich der Netzzeitschrift "EVOLVER". True-Crime-Buchserie (div. Verlage) mit Christian Lunzer. Hat eine ungesunde Faszination für Donald Duck, erschwörungstheorien und postapokalyptische Szenarien.

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