Wiener Festwochen 2011: Und es bewegt sich doch
Erstmals waren die Wiener Festwochen auch WIENER-Festwochen. Lang waren sie, turbulent und vielseitig. Ein paar Schauspiel-Highlights unseres Kritikers.
„Anfang und Ende“ lautete das Motto der heurigen Festwochen. An die Plakate mit der gruselig unbequem anmutenden, eingeeisten (oder auch mit Zuckerguss glasierten?) Möblierung haben wir uns längst gewöhnt, jetzt werden bald alle verschwinden.
Sujet und Slogan nahmen auf die Eröffnungsinszenierung Christoph Marthalers, „+-0“ Bezug, einen Abend, der auf Grönland erarbeitet wurde. Am Ende, bei der letzten Premiere des Schauspielprogramms schloss sich dann der Kreis. „Bodenprobe Kasachstan“ erzählte von Zentralasien, von Steppen und Ölfeldern, also von nicht weniger entlegenen Gebieten dieser Erde. Ein kompositorischer Schachzug der engagierten Schauspieldirektorin Stefanie Carp? Jedenfalls ein schöner Akt der Harmonie in einem sehr durchwachsenen Festival mit einem kleinen Japan-Schwerpunkt, vielen wiederkehrenden Namen, aber auch vielen Risikofaktoren in Form von Koproduktionen, deren Qualität zum Zeitpunkt ihrer Einladung noch nicht bekannt sein konnte.
Die WIENER Top 10
Bei dem kleinen, subjektiven Top-Ten-Ranking, das wir uns erlaubt haben zu erstellen, fällt auf, dass die Stockerlplätze an drei Produktionen gehen, bei denen das eben nicht der Fall ist. An Gastspiele, die eingeladen wurden, weil jemand sah, dass sie gut waren. Und genau das braucht Wien, um in Theaterfeierlaune zu bleiben: den Luxus, einmal im Jahr die tollsten Produktionen der Welt präsentiert zu bekommen. Und, ist Ihr Favorit dabei?
10. „Scratching on Things I Could Disavow“
Meta Meta Meta Kunst Meta Meta. Ja, ein bisschen musste man schon interessiert sein am Kunstmarkt und daran, was dahinter steckt. Dann bekam man vom Libanesen Walid Raad einen originellen und poetischen Diskurs über die Verwestlichung der modernen Kunst im arabischen Raum präsentiert, bei dem man sich nur einer Sache sicher sein konnte: dass die Leere der Hirne, der Seelen und der Galerienwände nie gähnender ist als nach überambitionierter Vermarktung.
9. „The Select (The Sun Also Rises)“
Die New Yorker Truppe Elevator Repair Service gastierte erneut mit einer verlässlich präzisen, konsequent epischen Romanadaptation in Wien. Weniger radikal als „Gatz“ 2007, wo kein Wort von Fitzgeralds „Great Gatsby“ fehlte, erfreute doch abermals der zielsichere Einsatz von Bühnenmitteln zur Entfaltung einer Story. Diesmal war es Hemingway, die Bar wurde zur Arena, der Trank zum roten Faden erhoben, und Stierkämpfe mit Tischen ausgefochten. Ay caramba!
8. „The Far Side of the Moon“
Die Uraufführung dieses Stückes über den ganzen Kosmos und wie er in eine Waschmaschine passt, fand am 29. Februar 2000 statt – passender könnte es nicht sein. Bei der aktuellen Tour elf Jahre und eine Verfilmung später bestritt nicht mehr Meister Robert Lepage selbst den Monolog, sondern sein Haus- und Hofschauspieler Yves Jacques. Obwohl die einst bahnbrechende Inszenierung ein ganz klein wenig Patina angesetzt hat, bleibt das klug gebaute, nie seinen Weltbezug aus den Augen verlierende Stück über zwei Brüder in Québec ein magisch-melancholisches Highlight.
7. „Wastwater“
Wer Katie Mitchells Inszenierungen in Deutschland kannte, war etwas vor den Kopf gestoßen. In ihrer Uraufführung von Simon Stephens’ neuestem Stück mit dem Royal Court Theatre finden sich statt abstrakter und raffiniert mit dem Bühnengeschehen verschränkter Live-Video-Tricks drei penibel naturalistisch ausgestattete Kulissen, temporeiche, aber wenig bewegliche Schauspieler und sehr viel Dialog. Umso mulmiger wird einem bei Stephens’ rätselhaftem Text über Wunden der Vergangenheit und den allesumspannenden Flughafengeräuschen. Englische Theaterillusion par excellence.
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