Ran an die Nabelschnur!
Produktionen des heurigen Schäxpir-Festivals für Kinder- und Jugendtheater geben sich erstaunlich erwachsen. Bericht von einem Tag in Linz.
Ein Theaterfestival, das heißt viele Menschen, viel Input, viel Essen und Trinken, viel Herumfahren und ein Verlust des Zeitgefühls. Handelt es sich um das Schäxpir, das oberösterreichische Theaterfestival für junges Publikum, dann potenziert sich vor allem der Input nochmal um Einiges, denn oft wird für Schulklassen gespielt, so dass die erste Vorstellung des Tages um zehn Uhr morgens beginnt und an einem einzigen Tag anhand von insgesamt fünf Stücken so was wie eine Momentaufnahme möglich ist.
Diese offenbart im Schnitt einen überraschend erwachsenen, ja abgebrühten Zugang zu dem schwer kategorisierbaren (wenn auch immer sorgfältig mit – oft von Eltern nicht gerade ernst genommenen – Altersempfehlungen versehenen) Kosmos des Theaters für junges Publikum. Gleich die erste Produktion des Tages verblüfft mit einer mutigen Aussage. In „Ein Gespenst namens Zukunft“ lässt Valerie Kattenfeld, gefördert durch den Jungwild-Regiepreis 2011, die Studentin Melanie im Rahmen einer Familienaufstellung zu dem Schluss kommen, dass sie Freiraum von ihren Eltern braucht. Aber das ist nicht alles: Denn wenn Melanie, gespielt von Johanna Berger mit großen irren Augen und einem bitterböse gefrierenden Grinsen des Schreckens, in grotesk-energiereichen Szenen von ihren Erzeugern, die es eh gut meinen (Marius Schiener und Fabienne Küther), durch einen Marathon des Wahnsinns gepeitscht wird, dann stellt Kattenfeld das Konzept Kernfamilie an sich an den Pranger und legt nahe, was immer noch keiner laut zu sagen wagt: dass man sich seine Eltern nicht aussuchen kann und ihnen per se nichts schuldig ist. Frühmorgens ein krasser Tabubruch!
Etwas abgefedert wird dieser wohltuende Schlag ins Gesicht dadurch, dass Kattenfeld die komplizierte und höchst umstrittene Praxis der Familienaufstellung kritikfrei überstrapaziert. Bei der Zielgruppe (14+), der sie im besten Fall ein Jahr Psychoanalyse mit Dreißig hätte ersparen können, wird ihre Botschaft daher kaum landen.
Einen eher allgemein gehaltenen Angriff auf die Nabelschur schildert die niederländische Tanzproduktion „Strings – verwickelt“ von Danstheater AYA. Darin performen sich ein junger Breakdancer, eine ältere Tänzerin und ein ergrauter Sänger je nach Fachgebiet den Generationenkonflikt aus dem Leib. Während dem Abend die ihn thematisch oder formal zusammenhaltenden „Strings“ fehlen, löst immerhin Dietrich „DJ“ Pott mit akrobatischen Einlagen Begeisterungsstürme aus: bei einem ab 12 zugelassenen Publikum, dessen Schnitt hier aber deutlich eher Mitte 20 liegt. Klar, so ein Festival ist ja auch dazu da, dass die Künstler die Stücke der anderen Künstler besuchen. Man winkt einander zu, man diskutiert das Eigene und das Gesehene – der Diskurs ist rege, die Stimmung wie im Traum. Festivalfieber bleibt Festivalfieber.
Deconstructing Pippi
Gehen wir ein paar Altersstufen zurück. Im Zentrum von „Efraims Töchter“, einer Produktion der Hildesheimer Gruppe Pulk Fiktion für Kinder ab 10 steht Pippi Langstrumpf. Und auch dieses Stück zielt überraschend auf eine beinharte Abnabelung ab: nämlich unsere von Pippi Langstrumpf! Während alle drei Darstellerinnen (toll: Manuela Neudegger, Silvie Marks und Stefanie Mrachacz) anfangs noch die roten Zopfperücken tragen und unbedingt Pippi spielen wollen, mausert sich in 60 Minuten sturmfreier Bude, kecker Songs über Fantasiewelten und sehr, sehr süßer Marshmallowkuchen die schüchterne Annika zum realistischeren Star, nämlich für jene, die sich trauen, vor den Blicken aller Schwäche zu zeigen und die Leiter vom Zehn-Meter-Brett wieder runterzuklettern. Danke, Astrid Lindgren, sagen die Mädchen am Ende mit zu Tränen rührender Überzeugungskraft, danke, dass ich weiß, dass Pippi eine Lüge ist. Subtiler, schonender wurde selten eine Heldenfigur demontiert. Ein Einwand könnte von der großen Astrid Lindgren selbst kommen, die einst davor warnte, mit Kunst für Kinder über deren Köpfe hinweg den Erwachsenen zuzuzwinkern.
Über Lindgren führt die Brücke zu einer weiteren Jungwild-Siegerin, nämlich zu jener aus dem Vorjahr. Melika Ramic adaptiert mit „Zeensucht“ ein Buch von Marit Törnqvist, die auch Illustratorin einiger Lindgren-Bilderbücher war. Nele van den Broeck spielt ein Mädchen, das auf einem Holzpflock im Meer (bestehend aus von ihr selbst angemalten blauen Blättern in einer gigantischen leeren Halle) sitzt, bis am Ende ein mysteriöser Musiker vorbeiwandelt und die Aura, die er hinterlässt, ihr den Mut gibt, sich von ihrer Insel, genau: abzunabeln. Zuvorderst ist sie aber damit beschäftigt, Langeweile zu vertreiben, was leider völlig misslingt, auch und vor allem aus Sicht des – beachtlich geduldigen – Publikums ab 6. Ein großer poetischer Wurf lässt sich aus dem Bühnenkonzept unendlicher Weiten herausahnen, in der Umsetzung bleibt die Leere aber einfach leer.
Lange Socken, kurze Hosen
Gegen so viel Konzept mutet die aus Bremen angereiste Produktion „Für ewig und hundertmillionen Tage“ beinahe altmodisch an. Kindertheater wie damals wird da schon dadurch heraufbeschworen, dass vier Endzwanziger, ausgestattet mit langen Socken, kurzen Hosen und Rollern, sich dem Publikum 6+ als ihresgleichen präsentieren – was dank sensiblen Schauspiels nie wirklich ein Problem ist. Auch wirken diese Kinder von erwachsenem Gedankengut tatsächlich eher unbelastet. Spannend ist das Stück von Theo Fransz aber umso mehr: Anna-Lena Doll, Lisa Marie Fix, Christopher Ammann und Simon Zigah erzählen mit körperlicher Präzision und Humor auf einem durch vier Laternen beleuchteten Bühnenbildrund von einer besonderen Nacht. Drei Freunde „verheiraten“ sich anhand von fix herbeiimprovisierten Ritualen mit einem vierten, der offenbar an einer schweren Krankheit leidet, schwören ihm ewige Treue. Während kunstsinnige Erwachsene hier ihre Freude an gelungenem Timing, ästhetisch geglückter Ausstattung und vergnüglich verunglückten Erwachsenenritualen haben, ist in dieser Aufführung deutlich zu spüren, dass die Kids auf Augenhöhe angesprochen werden. Frau Lindgren zwinkert zufrieden.
Schäxpir. Theaterkunst für junges Publikum: 23. Juni bis 3. Juli 2011 an diversen Spielstätten in Linz und Umgebung. Die österreichische Jugendtheatertour setzt sich im Herbst mit „Szene Bunte Wähne“ im niederösterreichischen Horn fort.








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