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Der Thorpedo rast wieder

Australiens Fischmensch Ian Thorpe geht für Olympia 2012 zurück ins Wasser und schwimmt damit nicht nur Downunder oben: als Gast der Royals, als Schwulenikone und als einer, der auch Markus Rogan zeigen will, wie hoch die Wellen sind, die man mit Schuhgröße 50 schlagen kann.

Lange rätselten nicht nur die fröhlichen ORF-Kommentatorinnen, sondern auch echte TV-Experten, wer denn da in Westminster Abbey an der Seite der Beckhams Kate und William aus fast zwei Metern Höhe seine Referenz erweist. Nach Stunden dann die für viele Liebhaber des royalen Gossips wohltuende Erlösung: Der stramme Max im Frack heißt Ian Thorpe und zählt wie eben auch Fußballgott David Beckham zu den modernen Helden des British Empire – selbst wenn seine Taten als Ausnahmeschwimmer der ewig widersborstigen Außenstelle Australien zugerechnet werden müssen. Unter anderem wären da fünf Olympiasiege bei den Spielen 2000 und 2004, 13 aufgestellte Weltrekorde über sämtliche Krauldistanzen, dazu jede Menge Weltmeistertitel, auch jene beiden, die der heute 28-jährige Sydneysider 1998, im zarten Alter von 15 in Perth fixierte und die ihn nicht nur in Ozeanien zur Ikone stilisierten.

Ein Goldfisch auf Landflucht

Zur Ikone, die bei den olympischen Heimspielen im Jahr 2000 in Sydney hielt, was man sich von ihr versprochen hatte. Ian, als Kind bis 12 paradoxerweise von einer Chlorallergie am Kraulschwimmen gehindert, versenkte die Konkurrenz über 400 m Freistil mit Weltbestmarke und verhalf Australien in den Staffelrennen über 4 x 100 und über 4 x 200 m Kraul zu historischen Triumphen über den traditionellen Pool-Enemy USA. Abgefeiert wurden diese Erfolge damals als Angelegenheit höchsten nationalen Interesses und mit wilden Thorpe-Luftgitarrenriffs zu „Unbeliveable“ der Epson Madhouse Funkers – bis heute so etwas wie die Sporthymne Australiens.

Auch 2004 in Athen zeigte der „Thorpedo“ noch einmal einducksvoll, wie wohl er sich mittlerweile im Chlor fühlt und kraulte zu Gold über 200 m. Danach allerdings zog er sich zurück und ließ verlautbaren, dass er Abstand zum Sport und zur Öffentlichkeit bräuchte. Speziell letztere war dem ruhigen Riesen zum Problem, ja zur Pest geworden. Vor allem, weil die australische Yellow Press die bereits während Olympia 2000 aufgetauchten Gerüchte über Thorpe’s Homosexualität – unter anderem wurde Ian nächtens eng umschlungen mit Amerikas Leichtathletiker Carl Lewis vor der offiziellen Athleten-Disco „The last Lap“ gesehen – erbarmungslos verfolgte. Die Folge: Ian Thorpe, mittlerweile auch Miteigentümer eines großen Mineralwasserabfüllers und Testimonial für seine eigenes Unterwäschen-Label kehrte Australien den Rücken und flüchtete temporär in eine Baumhausvilla im anonymen Hinterland von Los Angeles. Im Herbst 2006 verkündete er dann mit 24 seinen Rücktritt vom Schwimmsport und den Willen, sich nun ausschließlich seiner Bildungsstiftung für Aboriginal-Kinder zu widmen.

Für das sportverrückte Australien ein echtes Erdbeben. Eines, welches an Wucht nur vom Blitzlichtgewitter am 2. Februar 2011 übertroffen wurde, als Ian Thorpe seine Rückkehr ins Haifischbecken des internationalen Schwimmsports verkündete. Über 100, 200 m und möglicherweise auch über die so Kräfte raubenden 400 m Freistil sowie in den Staffeln wolle er bei den Olympischen Spielen 2012 in London für Australien auf Medaillenjagd gehen und dabei den aktuellen Raubfischen wie Michael Phelps sein Heck zeigen. Und wenn es sich ausgeht, dann könnte auch noch Markus Rogan über 200 m Lagen in den Strudel des Thorpedos geraten. Eine Option übrigens, die den Österreicher begeistert und der ihm bei seinen vierten Olympischen Spielen – Weltrekord für Schwimmer – die Aussicht auf Historisches eröffnet: „Gemeinsam mit Thorpe, Phelps und meinen ewigen Bezwinger Ryan Lochte im Olympiafinale, das wär’ schon was Großes!“

Aber während der in den USA trainierende Rogan sein Olympia-Ticket so gut wie in der Badetasche hat, muss sich der einstige Popstar Ian Thorpe erst wieder im australischen Nationalteam etablieren. Im kommenden November, beim Weltcup in Shanghai, soll das offizielle Comeback steigen, im März 2012 dann die erfolgreiche Olympiaqualifikation. Bis dahin heißt es für Thorpe, der sich gleich nach seinem Rücktritt mit schweren Doping-Vorwürfen, die erst 2009 ad acta gelegt wurden, konfrontiert sah, trainieren, wie er noch nie trainiert hat.

WG unter Freunden

Begleitet wird das viel beachtete Comeback des Sportjahres 2011 von einem alten und nicht minder schillernden Bekannten. Der 61-jährige gebürtige Russe Genadi Touretski war schon 2000 als Trainer an den Aussie-Triumphen über die USA beteiligt und formte einst das erklärte Thorpe-Idol Alexander Popow zur stilistisch unerreichten Schwimm-Legende. Nach unzähligen Skandalen – gleich zweimal musste ein Quantas-Jet ungeplant zwischenlanden, weil Genosse Touretski nach einem Flascherl Wodka unbedingt dem Personal seinen Unmut kundtun musste – übersiedelte der eingebürgerte Australier zum Schweizer Verband nach Tenero ans Ufer des Lago Maggiore. Dorthin düste unlängst auch Ian Thorpe, um sich von Mastermind Touretski in Ruhe zurück in die Weltklasse drillen zu lassen. „Er kann noch stärker zurück kommen, als er bei seinen großen Siegen war“, so die Analyse des Coaches nach den ersten Trainingswochen.

Wie sehr die Rückkehr des einstigen Wunderkinds bewegt, beweist der Medienaufmarsch vor der Thorpe-Wohnung in Sydney. Vor allem die Klatschpresse ist entzückt, dass sich der Armani-Ambassador und begeisterte Schmuck- und Duftdesigner diese mit dem brasilianischen Ex-Schwimmer Daniel Mendes teilt und liefert unermüdlich immer neue Paparazzi-Shots von den beiden im Jahr 2008 inskribierten Studenten der Psychologie, die stets beteuern, nur beste Freunde und „auf gar keinen Fall homosexuell“ zu sein.

Irgendwie erinnert das Ballyhoo bereits ein wenig an jenen Rummel um Ian Thorpe, der ihm schon einmal die Lust am Sport genommen hat. Bleibt zu hoffen, dass sie ihm am Beginn vor Karriere 2 nicht schon vor dem ersten Rennen vergeht. Wäre schad’. Ist ein Echter.

Metamorphosen à la Thorpe: Bis auf 130 kg soll sich jener Mann hochgefuttert haben, dem einst der erste Ganzkörperschwimmanzug auf den 1,95 m langen und heut wieder 95 kg leichten Body geschneidert wurde. Sein Talent wurde früh erkannt. Auch weil sich beim Fußball schon in der Kindheit die für die Lockerheit im Pool förderliche Bindegewebsschwäche gezeigt hat. Seine Größe-50-Flossen sind deshalb flexibler als bei uns Landratten. Aber nicht nur die Schuhe verlangen Maßarbeit. Den Frack für die Hochzeit von Kate und William ließ er bei Armani schneidern.
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Monday, 21.05.2012, 15:25 Uhr

Autorenprofil Fritz Hutter

Fritz Hutter
Chefredakteur beim SPORTMAGAZIN, schreibt seit 1993 über alle ihm bekannten Sportarten, reiste fürs Sportmagazin bis in die Mongolei, ans Kap Horn und zu Rafa Nadal, versucht der immer stärker werdenden Verpolitiserung des Sports Herr zu werden. Mag sein Mountainbike und seinen Tennisschläger. Liebt seine Frau Judith und seine Tochter Johanna.

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