Das letzte Hemd
Was haben Heinz Fischer, Dirk Stermann und Roland Düringer gemeinsam? Sie plündern ihren Kleiderschrank und verschenken Hemden an Brigitte Wagner. Fürwahr ungewöhnlich. Wir haben bei der Empfängerin nachgefragt.
Hirn, Herz und Hand – das sind die drei Ingrediezen, mit denen bei Kamaeleon Mode gemacht wird. Designerin Brigitte Wagner hat das kleine Label für kleine Leute 2010 gegründet, aus der tiefen Überzeugung heraus, dass Spaß und Verantwortung kein Widerspruch sein müssen.
Kindermode ist für die Jungunternehmerin “Spielzeug zum Anziehen”. Ihre Mode: Lauter Lieblingsstücke, höchst individuell und ein bisschen verrückt – und das gilt auch für die jeweilige Entstehungsgeschichte! Denn bei Kamaeleon kommt nur Recyclingmode auf den Ladentisch.
Papas altes Hemd hat harnäckige Rotweinflecken und die Knöpfe gehen seit den letzten Grillexzessen nicht mehr ganz zu? Dann zu Kamaeleon schicken! Dort wird um 40.- Euro eine “witzige und nachhaltige Überraschung” für den Junior daraus.
Bobby Lugano an der Nähmaschine
“Recycling ist der Zauber der Verwandlung”, weiß Wagner. Und weil nachhaltiges Wirtschaften auch die soziale Umwelt betrifft, gehen die Nähaufträge an Menschen, für die sich der Einstieg ins Berufsleben schwierig gestaltet (z.B. wird mit dem Flüchtlingsprojekt Ute Bock zusammen gearbeitet).
Schön und gut. Dass die Wagner’schen Kreationen derzeit Talk of Town sind, liegt allerdings am Promi-Faktor: In einer Wirbelwind-Aktion haben Heinz Fischer, WIENER-Kolumnist Dirk Stermann, Alfons Haider, Roland Düringer, Erwin Steinhauer, Alfred Dorfer, Michael Häupl und noch viele andere Einser-Panierträger Österreichs ihre “letzten Hemden” als Rohmaterial gespendet. Via Kamaeleon werden daraus Objekte für eine Charity Versteigerung. Der Erlös kommt der Therapie posttraumatischer Störungen bei Kriegs- und Folteropfern zugute.
Frau Wagner, für die Aktion “Mein letztes Hemd für Hemayat” haben Kinder Hemden von Prominenten eingesammelt – wie waren denn da die Reaktionen? War es schwer, Mitstreiter zu gewinnen?
Brigitte Wagner: Überhaupt nicht. Mein Eindruck war, dass die von uns gefragten Prominenten, die Idee ein “letztes Hemd” für den guten Zweck zu spenden, so ungewöhnlich und überzeugend fanden, dass alle sofort bereitwillig in ihren Schränken gestöbert haben.
Gab es dabei für Sie Begegnungen (oder Hemden), die Sie als besonders aussergewöhnlich empfunden haben?
Großartiger Weise haben alle ganz besondere Hemden gewählt. Bundespräsident Fischer hat uns ein ganz außergewöhnliches Löwenhemd aus Afrika überreicht und der Termin in der Hofburg ist mir noch als sehr zauberhaft in Erinnerung. Es war unglaublich sympathisch, als der erste Mann im Staate Purzelbäume für unsere Kinder schlug.
Oder Josef Haders Hemd war eine echte Herausforderung, denn die wilden Pferde, die da in leuchtenden Farben über das Hemd galoppieren, waren eigentlich nicht zu toppen. Ich glaube, Roland Düringer hat uns wirklich sein letztes, da einziges Hemd gegeben, ein echtes Hawaiihemd.
Sie recyclen ja auch sonst Hemden. Wie kam es dazu?
Wiederverwertet habe ich schon immer gerne. Da ich selbst Mutter von zwei Kindern bin, ist mir aufgefallen, wie leicht man dazu neigt, viel und zum Teil überflüssig zu konsumieren. Es bereitet mir große Freude aus einem normalen, vielleicht im Büro getragenen Männerhemd, ein Kinderspielkleid zu zaubern, dass in keinster Weise an Job und Alltag erinnert. Kinder lieben die Spielkleider die daraus entstehen und Eltern freuen sich an der Hautverträglichkeit und dem Nachhaltigkeitsfaktor.
Und wie kam es zu der Zusammenarbeit zwischen Kamaeleon und dem Verein Hemayat?
Da ist das Bindeglied Nina Horaczek, die sowohl Hemayat unterstützt und fördert, als auch Kamaeleon mit gegründet hat. Wenn man von den Lebenswegen und Schicksalen der Menschen hört, die Hilfe bei Hemayat suchen, kann man nicht untätig bleiben. Mein kleiner ungewöhnlicher Beitrag.
Jedes dieser Kleider ist ein Unikat – und man hat den Eindruck, dass es die Hemd-Spender auch sehr gut repräsentiert. Worauf achten Sie denn da bei der Umsetzung, woher kommt die jeweilige Gestaltungsidee?
Oft waren die Hemden so ungewöhnlich, dass ich mich dem Motiv oder Stoff angepasst habe. Aber z.B. auf Dirk Stermanns Hemd musste unbedingt eine Leberwurst, aus der Parodie von “Andi & Alex”. Und auf dem Hemd von Alfred Dorfer sagt der Elefant zur Maus auf der Wippe: “Herr Bösel, des geht sich nie aus”, eine wunderbare Szene aus dem Film Indien. Natürlich muss auf Hermann Maiers Hemd ein Skifahrer sein, sonst würde ich in die Hölle kommen.
Wie wird Hemayat das ersteigerte Geld verwenden?
Der gesamte Erlös geht zu 100% in Therapieangebote.
Hemayat fehlt derzeit Geld für Therapieplätze. Wieviel wäre denn nötig?
So viel, dass die 200 Menschen die derzeit auf einen Therapieplatz warten müssen, sofort Hilfe erhalten.
Danke für das Gespräch.
P.S. Einige der prominenten Hemden finden Sie auf den nächsten Seiten.
- Der Juli-WIENER bringt einen großen Schwerpunkt zum Thema “Social Entrepreneurship”: 6 Österreicher sagen, warum und wie sie die Welt verändern.
- Dank österreichischer Initiative wird heuer erstmals ein internationaler Preis für nachhaltiges Wirtschaften vergeben, der “SEA 2011″ (Sustainable Entrepreneurship Award). Ab sofort können Unternehmen ihre Projekte einreichen – siehe hier!
- Weitere Projekte stellen wir Ihnen in den nächsten Tagen auf wiener-online vor. Stay tuned!










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