“Chmelar spielte den Klassenkasperl”
Medienpsychologe Peter Vitouch über die Erotik des Peinlich-Seins.
Bis jetzt hat bei Dancing Stars immer jemand gewonnen, der gut tanzen kann. Dieter Chmelar konnte nicht tanzen, versuchte es auch nicht, sondern stand dazu, Kabarett zu liefern. Hat er die ersten Folgen überstanden, weil wir eine Art Schadenfreude oder sogar Mitleid bei seinem Anblick empfunden haben?
Beides stimmt sicher ein bisschen. Die Promis in Dancing Stars spielen gewisse Charakterrollen, die wir auch in den Bevölkerungsschichten finden. Dieter Chmelar spiegelte jene Bevölkerungsschicht wider, die nicht tanzen kann und vielleicht ein wenig neidvoll auf die guten Tänzer blickt. Es fand eine Art Gegenbewegung statt: Man dachte sich, der kann das zwar überhaupt nicht, dafür blödelt er aber.
Warum sehen wir uns Selbstdarsteller wie Alf Poier und Dieter Chmelar im Fernsehen an, wenn wir uns doch fremdschämen?
Naja, eigentlich ist es kein Fremdschämen, weil sich diese Selbstdarsteller selber nicht ernst nehmen. Fremdschämen würde man sich für jemanden, der glaubt, dass er tanzen kann und dann eine miserable Leistung abliefert. Aber Chmelar wusste, dass er nicht tanzen kann. Sowohl Alf Poier als auch Dieter Chmelar sind Parodien. Chmelar parodierte die Rolle des Dancing Star, aber auch sich selbst auf der Bühne. Es handelt sich bei beiden um ein selbst gewähltes Schicksal, deswegen ist ihr Auftreten uns nicht unangenehm.
Gehen Selbstdarsteller wie Richard Lugner, Alf Poier oder Dieter Chmelar ein Risiko ein, das sie nicht kontrollieren können? Stichwort: Lachnummer der Nation.
Ja, das ist eine Gratwanderung. Chmelar ist schon auf dem Weg, dass man ihm den seriösen außenpolitischen Kommentator nicht mehr abnehmen würde. Zumindest vorübergehend würden die Leser beim Aufschlagen der Zeitung Chmelars Gesicht damit assoziieren, dass er sich zum Affen gemacht hat.
Sehen Sie noch einen Unterschied zwischen Richard Lugner und Dieter Chmelar?
Die Grenzen sind schwimmend. Richard Lugner ist ein Serientäter. Ich halte Chmelar für intelligent genug, dass er das Ganze nicht überzieht. Chmelar ist ein Komödiant. Lugner ist jemand, der sich für tot hält, wenn er nicht genug in den Medien vorkommt. Chmelar ist ein Vollprofi – Lugner ein prominenter Amateur.
Liegt der Reiz auch im Spielen mit Stereotypen: Tanzen, Kindisch-Sein und Blödeln gelten nicht als besonders männlich?
Ja. Jeder spielt bei Dancing Stars eine Rolle. Dem türkisch-österreichischen Schauspieler Mike Galeli, der die Rolle des James Bond verkörpert, hätte man das Blödeln nicht abgenommen. Chmelar hatte die Rolle des Klassenkasperls gewählt. Der Klassenkasperl kommt lange Zeit ohne Leistung durch, ist möglicherweise auch bei den Lehrern beliebt, fällt immer weich und bekommt nie die schlechtesten Noten. Chmelar konnte das Spiel natürlich nicht endlos spielen, weil Teile des Publikums ihm mit der Zeit übel genommen haben, dass er noch drinnen ist, während andere, die tänzerisch mehr drauf hatten, raus gewählt wurden. Es geht um einen Klassenverband: Wie lange halten die einen durch zu sagen, lassts ihn blödeln, wenn andere ungerecht behandelt werden.
Gilt für Männer eine Erotik des Peinlich- Seins, weil Frauen den Humor von Männern schätzen?
Das wage ich nicht zu behaupten. Vielleicht sprach er Frauen jenseits der 60 als kuscheliger Teddybär an. Er löste eher bei den Protestwählern einen Solidarisierungseffekt aus: „Ich würde mich auch so anstellen, also wähle ich den.“








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