Schlitzohrwurmfortsatz
Geheimtipp: „Eine Schlagernacht mit Toni Wolf“ von Flo Staffelmayr im Ottakringer Werk.

"Ich habe Musik im Blut. Wenn ich blute muss ich Singen." Georg Blume und Florian Wagner performen "Eine Schlgernacht mit Toni Wolf"
Es gibt Leute, die haben den Film „Black Swan“ gesehen und sich bestätigt gefühlt: in ihrer Liebe oder in ihrer Verachtung des Balletts, je nachdem. Leicht könnte es sein, dass hier ein Theaterabend Ähnliches bei Menschen auslöst, die zur eigenwilligen Kunstform des Schlagers eine so oder so ausgeprägte Haltung an den Tag legen: „Eine Schlagernacht mit Toni Wolf“ ist das neueste Stück von Flo Staffelmayer, das er selbst in Co-Regie mit Svetlana Schwin auf die Bühne gebracht hat, tief, tief unten, im feuchten, kühlen Keller des relativ neu gewidmeten Ottakringer Kunst-, Kultur- und Partytreffpunkts Das Werk. Es ist: eine Schlagernacht. Aber auch: die Persiflage davon. Und macht daher von allen Seiten glücklich.
„Frontalhirnlappenaufbesserungsanlage der Fachbegriff.“
Tatsächlich tritt da ein Mann auf, Toni Wolf genannt (Georg Blume), und singt – live und auf Video – Ohrwürmer wie „Liebe, die wir fühlten“, sauber und stadltauglich (Musik: Florian Wagner). Sein größter Fan, eine gewisse Rosemarie, ist Vorsitzende des Seenhofner Toni-Wolf-Fanclubs und interviewt in dieser Funktion den Star rund um seinen Auftritt auf einer wackligen Parkbank in einer künstlichen Wiese hinter einer behelfsmäßigen Markise (Bühne: Schwin). Als echter Hardcore-Fan ist sie völlig manisch und bringt den an sich professionellen und nie um eine schleimige Antwort verlegenen Toni gehörig in Bedrängnis. In Wahrheit ist sie aber die Handlangerin des grusligen Seehofner Bürgermeisters, der das Heile-Welt-tum des Schlagerstars für seine kaum nacherzählbaren, aber irgendwie erschreckend schlüssigen Utopien einer Welt einsetzen will, in der alle verschieden sind, aber gleichermaßen minderwertig.
Flo Staffelmayr, als Schauspieler österreichweit hier und dort beschäftigt, inszeniert unter dem Label „Theater Ansicht“ gerne eigene Texte in eher unwirtlichen Spielstätten. Diese etwas undergroundige Begleitstimmung ist finanziell bedingt, hat aber auch den Vorteil, dass er sich unerhörte, unverschämte Schnörkel leisten kann, die weit übers Ziel hinausschießen und sich jeder Vereinnahmung duch „normale“ Theaterkanons entziehen: Der Text gibt den Ton an, genauer gesagt, das Wortspiel, die verbale Assoziationskette: Jar Jar Binks meets Monty Python. Vielleicht kategorisiert das den Aberwitz dieses elaborierten Wortschwalls am treffendsten.
„Viele verschickt. Viele erstickt. Viel Verstand. Viele versandt. Viele verschickt.“
Staffelmayrs Text ist ein Hindernisparcours für alle, die ihn sprechen müssen. Sein Ensemble meistert ihn sichtlich angestrengt, aber erfolgreich. Christina Scherrer als Rosemarie etwa ist hinter ihrem starren Lächeln punktgenau in ihrer Präsentation von Kaskaden wie „Somit. Bühne frei. Für. Für ihn. Für Toni. Für meinen. Für aller unser. Für Toni Wolf. Darum Applaus. Jetzt.“
Als Bürgermeister deklamiert Martin Schlager (ja, der Mann heißt wirklich so!) überzeugend autistisch. Besonders vergnüglich erscheint in wallendem blonden Haar der Komponist Florian Wagner selbst auf der Bühne. In der Rolle des Gitarristen von Toni Wolf schunkelt er brav bei seinen eigenen Melodien mit: gleichmütig und engagiert, aber ja nicht zu übermütig. Hier steckt, wenn man so will, die große, tiefe Wahrheit des Stückes: Musik ist pure Emotion und immer in dem Maße wundervoll und furchtbar, wie man sich ihr hingibt. Und ein bisschen Distanz kann niemandem schaden. Dann würde man als „FannIn und PublikumIn” nämlich auch mal auf den Text hören. In der Dramaturgie des Stückes findet das Niederschlag, indem jeder Song auf der Textebene eine Spur subversiver ist als der davor, bis wir am Ende bei „Lasst uns trinken, bis die Augen blinken“ angelangt sind.
Ein sympathischer Zusatz ist Ibrahim Öztoplu als Bühnenarbeiter, den es an die Rampe zieht. Seine im „Agathe-Bauer“-Stil übertitelte türkische Ballade freilich ist ein doch vergleichsweise zu althergebrachter Youtube-Schmäh. Georg Blume schließlich, nun ja, er ist der wahre Toni Wolf. Ohne seine Glaubwürdigkeit als Schlagersänger mit Stimme und Auftreten und die gleichzeitige skrupellose Schlitzohrigkeit, uns die Idee vorzulügen, eine heile Welt könnte es überhaupt theoretisch irgendwie geben, wäre der Abend nur halb so treffsicher. Aber dieser Georg Blume muss verdammt aufpassen. Dass die ironiefreie Sphäre der wahren Fanninnen und Publikuminnen ihn sich nicht einfach ganz ernsthaft einverleibt.
„Eine Schlagernacht mit Toni Wolf“ von Flo Staffelmayr. Noch am 24., 25. und 26. Mai 2011 jeweils um 20 Uhr im Werk, 16., Neulerchenfelderstraße 6-8. Mehr Infos und Karten auf www.theateransicht.at







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