WIENER
Bühne

O verzerrtes Österreich!

Das Bernhard-Ensemble spielt Bernhard – oder eher: eine Bernhardeske. „BORIS.FEST“ mit Grischka Voss läuft jetzt im OFF-Theater.

Zu Tode getrommelt: Kajetan Dick, Grischka Voss und Eva Reinold (v.l.n.r.) in BORIS.FEST.

Bernhard ist tot. Er gilt als moderner Klassiker, an dem die Bühnen oft verzweifeln, denn spielen will man ihn schon noch, aber besser als weiland Peymann kriegt man ihn eh nicht mehr hin. Und alles ganz anders machen, das ist waghalsig. Während sich die Serbin Barbi Markovic kürzlich ans Überschreiben einer seiner Erzählungen gewagt und die bernhardsche Schimpf- und Larmoyanzstruktur mit neuen, eben Belgrader Texten versehen und so tatsächlich ins 21. Jahrhundert gerettet hat, versucht sich jetzt das Bernhard-Ensemble (das trotz seines Namens noch nie Bernhard gespielt hat) in ähnlicher Manier an einem Drama des etwas verstaubten alten Meisters – nämlich gleich an seinem ersten Stück: „Ein Fest für Boris“ wurde in der Regie von Ernst Kurt Weigel und mit seiner Frau Grischka Voss in der Hauptrolle als „BORIS.FEST“ neu aufpoliert. Wie bei Barbi Markovic ist nur eine Basisstruktur gleich, der Text ist völlig neu und beruht auf Improvisation. Premiere war am 24. Mai im Wiener OFF-Theater.

Die Drei-Akte-Struktur wurde übernommen, wobei, wie oft bei Bernhard, in den ersten beiden Akten monologisiert wird und im dritten der sich versammelnde Pöbel die Situation zum Eskalieren bringt. „Die Gute“ (Voss) lamentiert ihrer treuen Dienerin Johanna gegenüber (Eva Reinold) über die verrottete Gesellschaft. Sie hat aus Charity-PR-Gründen den Asylanten Boris aus einer U3-Station weg geheiratet. Obwohl er praktisch nur „Ja“ und „Nein“ (mehr „Nein“) sagt und viel weniger traumatisiert zu sein scheint, als sie sich das gewünscht hätte, richtet sie ihm eine Party aus, die tödlich endet.

Von Pointe zu Pointe ist es nicht gerade bahnbrechend, was dem knapp vierzigjährigen Kreativduo Weigel/Voss zu neuen Medien einfällt („Googel das mal“). Der der Überschreibung zugrundeliegende Kern trifft jedoch einen modernen Nerv: Was bei Bernhard die Auseinandersetzung mit Krankheit und Verkrüppelung ist, übersetzt sich beim Bernhard-Ensemble als Magersucht und die Angst vor Verfettung. Die rotzige „Gute“ hat dabei einen nahezu poetisch-puristischen Instinkt: Die geilste Musik ist ihr die Stille, das leckerste Essen die Luft. Ein Fest des Nihilismus. Wie auch schon in früheren Arbeiten des Bernhard-Ensembles tritt die Koketterie mit dem Grotesk-Grausamen, der Traum vom Trauma zu Tage. Im Gegensatz zu Grischka Voss’ eigenem Stück „Monster“, das die überspitzten Historien von Eskortservicemitarbeitern über die Kitschgrenzen hinaus ausschlachtete, bleibt der ersonnene Ekelvoyeurismus hier jedoch pointiert und öffnet sowohl verschämtem Schmunzeln als auch (Zitat Bernhard:) fürchterlichem Gelächter einen Freiraum.

Ausstatterin Thea Hofmann-Axthelm verschafft der Aufführung durch simple, grelle Ästhetik eine Bildhaftigkeit, die im Gedächtnis bleibt. Jede Figur hat ihre eigene Kiste mit Farben von grau bis rosa, die dem schrillen Kostümbild entsprechen (Colorblocking ist ja auch gerade total angesagt!). Wie auf Ausstellungsdisplays präsentieren sich die drei, wenn nur ihre Oberkörper aus den fahrbaren, eckigen Untersätzen herauslugen. Entfernt erinnert die „Gute“ hier auch an Becketts in einem Erdhügel steckender Winnie aus „Glückliche Tage“. Im dritten Akt werden die Kisten dann zu einer verzerrten rot-weiß-roten Fahne angeordnet. Im Gegensatz zum Original beruht die Einkastelung hier auf Freiwilligkeit, alle Figuren können sich frei bewegen.

So auch Boris, der zwischendurch einfach mal schnell in Unterhosen aufs Klo geht. Kajetan Dick, der zum Stammensemble gehört, ist für diese Rolle getypecastet. Zwar ist er nicht (wie alle Figuren in Bernhards Originalstück) körperlich, aber dafür geistig umso gehandicapter. Als er sich leidenschaftlich zu Tode trommelt (seine Lufttrommel begleitet echte Gitarrenmusik), hat „die Gute“ nur einen herrlich müden Blick für ihn übrig. Eva Reinolds Johanna ist ein willenloser, willfähriger Groupie: für jede Geste und Grimasse zu haben. Um ihre Emotionen auszuleben, taucht sie unter, versteckt sich, geht zum Lachen und Weinen in den Keller. Das ist stereotypisch österreichisch und bezeichnend für diese Inszenierung, die im Vorbeispazieren auch andere Aspekte unserer Seitenblicke-Bussi-Bussi-Gesellschaft aufs Korn nimmt.

Grischka Voss’ Interpretation des It-Girls ist von Fernsehsendungen inspiriert, in denen ungeschulte Seitenblicke-Diven hemmungslos in die Kamera ätzen. Mit vielen Interjektionen, „äh“s und „ja“s spickt sie ihre Monologe bernhardschen Dauernzorns. Ab dem zweiten Akt kommt sie so richtig in Fahrt, wie auch der absurde Humor (Arschgesichtmasken, liebkoste Apfelbutzen), der zeitweise ins Infantile abrutscht, insgesamt aber die größte Stärke des Ensembles ausmacht und sich mit dem Konzept Bernhardeske einwandfrei verträgt.

Wie gut der Abend ankommt, wird wohl stärker als sonst von der jeweiligen Tagesverfassung der Hauptdarstellerin abhängen, kombiniert damit, wie viel Übles und Perverses die Tagesaktualitäten so hergeben, denn hier ist laut Angaben der Theatermacher so viel improvisiert, dass es gar nicht erst eine schriftliche Textfassung gibt. Eine zarte Empfehlung kann dennoch abgegeben werden. Denn Weigel und sein Team haben aus ihrem Bernhard etwas rausgesch(l)ürft, was immer schon drinnen war, aber im Dunstkreis von hehren Burgtheatern oder Salzburger Festspielen nie so banal benannt werden wollte: patzig-bissiges Austro-Kabarett.

„BORIS.FEST“ sehr frei nach Thomas Bernhard, mit Grischka Voss, Eva Reinold und Kajetan Dick; Inszenierung: Ernst Kurt Weigel, noch am 27., 28. Mai, 7., 10. und 11. Juni und ab Herbst 2011, jeweils 20 Uhr im OFF-Theater (7., Kirchengasse 41). Infos: www.bernhard-ensemble.at.
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • Posterous
  • del.icio.us
  • Tumblr
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
Shortlink:

 

Userkommentare

Keine Kommentare zu diesem Artikel | Kommentar schreiben

wiener-online.at

Die offizielle Website des WIENER

Männer - Zeitgeist - Lifestyle - Kultur

Monday, 21.05.2012, 15:06 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

» Alle Beiträge von Martin Thomas Pesl » Private Webseite

Jetzt in Ihrer Trafik!

WIENER

Das Juni-Heft u.a. mit folgenden Themen:

  • Die Schmäh Brüder
  • Jason Stathame
  • Ulrich Seidl
  • Ein Museum im Meer
» ZUM HEFTABO

Eventkalender

Weitere Online-Angebote der Styria Media Group AG:
Börse Express | Die Presse | ichkoche.at | Kleine Zeitung | sport10.at | typischich.at | willhaben | WirtschaftsBlatt
//wiener-online.at