Nr.3 l(i)ebt
Ohne Väter gäbe es keine Kinder. Doch Männer sind weit mehr als „Erzeuger“. Zeit, darüber zu reden.
Vater werden ist nicht schwer, (ein guter) Vater sein dagegen sehr. Viele Männer fragen sich verunsichert, wie das eigentlich geht mit der Vorbildrolle und Erziehung auf Augenhöhe. Anlässlich des nahenden Vatertages hat Mareike Müller zwei Experten zum Thema getrennt voneinander befragt.
Wie können Männer sich aufs Vatersein vorbereiten?
Reinhard Winter: Institutionell fehlt es an Ideen und Konzepten für Männer, die ihnen helfen würden, ihr Vatersein zu entwickeln. Anfangs können sich viele Männer nicht vorstellen, Vater zu werden, sind vielleicht nicht so begeistert von der Idee. Aber sobald die Entscheidung steht, sollten sie sich ganz darauf einlassen. Wichtig ist auch, in sich hineinzuhorchen: „Wie geht es mir damit und wo fühle ich mich unsicher?“ Im Idealfall spricht man darüber mit der Partnerin. Wenn sie vermittelt, dass es eh normal ist, unsicher zu sein, ist man(n) auf dem richtigen Weg. Gut ist es auch, sich als Mann mit der eigenen Vatergeschichte auseinanderzusetzen.
Peter Ballnik: Interessanterweise haben laut meiner Studie 44 Prozent der Väter gesagt, sie würden ihren eigenen Vater nicht als Vorbild nehmen wollen für ihr Kind. Das liegt nicht daran, dass sie ein schlechtes Verhältnis haben zu ihrem eigenen Vater. Im Gegenteil. Aber sie merken, dass sich etwas verändert hat – darin, wie man heute als Mann seinem Kind und seiner Partnerin gegenüber auftritt. Für gute Väter bedeutet es keinen Widerspruch zu sagen: „Mein Vater ist in Ordnung und trotzdem mache ich es anders.“
Haben es heutige Väter in ihrer Rolle leichter als noch ihre eigenen Väter?
Ballnik: Ja, auf jeden Fall. Vor 40 Jahren hätten sich Väter noch geschämt, mit Kinderwagen oder Wickeltuch herumzugehen. Heute ist das eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit.
Winter: Vergleiche finde ich schwierig – wir können ja nicht sagen, wie sich Väter damals gefühlt haben. Heute hat sicherlich von außen der moralische Druck auf Väter zugenommen: Ein Mann muss ein guter Vater sein, soll sich engagieren und mit dem Kind beschäftigen. Zugleich wollen die meisten Väter ja ihr Vatersein auch viel mehr erfahren, wollen als Beziehungsvater präsent sein. Diese Mischung ist brisant – und die gab es so vor ein paar Jahrzehnten noch nicht.
Wie gehen Männer mit diesem doppelten Druck um?
Winter: Sie können damit ganz gut umgehen, denn beides hat ja dasselbe Ziel: sich ums Kind zu kümmern. Ein viel größeres Problem ist die Zerrissenheit des Mannes zwischen beruflichem und familiärem Engagement: gleichzeitig das Vatersein und den Berufsmann zu leben. Wichtig wäre es für Väter (aber auch für Mütter), Elternsein nicht nur als Aufgabe des Individuums zu betrachten. Sondern auch als Frage der Organisation: Ein Unternehmen müsste sich also im Falle einer Vaterschaft konkret überlegen: „Wie machen wir es, damit ein Mann es hinbekommt, Vater zu sein und zu arbeiten?“ Wenn Kinderkriegen ein kollektives Thema ist, verringert es den Stress beim Einzelnen.
Ballnik: Das größte Problem ist meiner Meinung nach, dass wir Väterlichkeit immer noch mit den Maßstäben der Mutter messen. Wenn aber Väterlichkeit gut sein soll fürs Kind, muss sie sich von der Mütterlichkeit unterscheiden! Sind sich Vater und Mutter zu ähnlich, können sich Buben und Mädchen nicht orientieren. Für ihre eigene Geschlechtsidentität müssen sie herausfinden können: „Wer ist wer, und wie werde ich?“
Peter Ballnik ist Psychotherapeut, Autor vom Papa-Handbuch (Graefe Unzer Verlag) und Leiter der österreichischen Studie Positive Väterlichkeit und männliche Identität: www.ballnik.eu. Reinhard Winter ist Diplompädagoge, schrieb "Jungen. Eine Gebrauchsanweisung" (Beltz Verlag) und leitet das Sozialwissenschaftliche Institut Tübingen: www.sowit.de








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