Kollektiv kreativ
Das Theaterkollektiv PressText behauptet, hierarchiefrei Theater machen zu können. Und hat Erfolg damit.
Wie macht man zu fünft Theater? Nun ja, man entscheidet, wer Regie führt, wer welche Rolle übernimmt, wer für Produktionelles verantwortlich ist und vielleicht – sofern man nicht ein altes inszenieren will – wer das neue Stück schreibt. Und dann arbeitet jeder drauf los.
Oder man macht es wie PressText, ein Theaterkollektiv aus fünf Menschen, die den Begriff „Kollektiv“ wirklich sehr ernst nehmen und alles zusammen machen: Themen sammeln, schreiben, Regie führen und auf der Bühne stehen. 2008 lernten sie einander in Wien erst kennen, mittlerweile touren sie mit ihrem ersten gemeinsamen Projekt erfolgreich durch den deutschsprachigen Raum und arbeiten gerade das zweite aus. Obwohl sie inzwischen auf Wien, Berlin und München verteilt leben, lassen Anya, Moritz, Timo, Patrick und Ottilie (alle Jahrgang 1986-88) es sich nicht nehmen, sogar zum WIENER-Gespräch im Kollektiv zu erscheinen.
„Zentrale Themen in den Medien“, erläutert Patrick Rothkegel, „sind gerade Zukunftsangst und der Wunsch nach Selbstverwirklichung.“ „Aber auch wir Studierende“, ergänzt seine Kollegin Anya Deubel, „entziehen uns dem Konkurrenzdruck nicht und stellen einander gut gemeinte Fragen wie: Was hast du eigentlich schon so gemacht?“ PressText geht es darum, Phänomene aufzugreifen, die sich in die Gesellschaft eingeschlichen haben, und das Publikum auf witzige Weise mit seinen Ängsten und festgefahrenen Mustern zu konfrontieren. Das war in „weFlash©“ so, ihrem Erfolgsstück über den Werbefeldzug eines lila Energydrinks – und soll nun auch bei „Grüße von ganz oben“ Ausdruck finden. Der neue Abend, der gerade geprobt und nebenbei auch noch fertig geschrieben wird, spielt in einem Wartesaal, in dem die Zuschauer und Akteure ehrfurchtsvoll einem imaginären Heilsversprechen entgegenfiebern: der Selbstverwirklichung. Verstohlen baut eine Fälschergang ihre Buden auf und verschachert Lebensläufe und Zeugnisse. Spätestens post-Guttenberg eine höchst aktuelle und massentaugliche Ausgangssituation.
„Wie demokratisch kann man sein, das wollten wir herausfinden“, erklärt Moritz Geiser. „Kann man ohne hierarchische Ordnung alles gemeinsam erarbeiten, zeigen, dass es geht und cool sein kann?“, setzt Timo Müller hinzu. Nachdem die Gruppe zuerst unter dem nicht ganz ernst gemeinten Namen JederAlleinIstEinFurz mit „weFlash©“ völlig unbedarft einen Überraschungserfolg erzielt hatte und ins Programm des Verlags gleichzeit aufgenommen wurde, macht sie sich jetzt natürlich Gedanken – wie könnte es anders sein: über die Zukunft. Patrick Rothkegel: „Es wäre schon geil, wenn wir das hauptberuflich machen könnten. Uns würde auch die nächsten Jahre der Stoff nicht ausgehen.“
Aber das ist natürlich eine Geldfrage. Neben der Theaterarbeit studieren alle fünf (oder ist es umgekehrt?), und zwar keineswegs Schauspiel oder Regie: von Philosophie bis internationale Entwicklung ist alles an Disziplinen dabei. Ist es schwierig, die Kunst dem „echten Leben“ unterzuordnen? „Es ist vor allem zeitlich extrem anstrengend, mehrgleisig zu fahren “, so Ottilie Vonbank. „Gleichzeitig ist es gut“, so Rothkegel, „Inspiration von anderswoher zu kriegen.“
„Das ist schon schwierig.“ Der Satz fällt immer dann, wenn man fragt, wie diese basisdemokratische Arbeitsweise funktionieren kann, ohne dass sich jemand zurückgesetzt fühlt oder sich durch die Hintertür doch Hierarchien einschleichen. Auch das Fazit klingt erstaunlicherweise stets ähnlich: „Aber es spielt sich immer mehr ein. Und es funktioniert irgendwie.“
Es bleibt ein Rätsel, dessen Lösung man Ende Mai beim zweiten PressText-Produkt vielleicht einen Schritt näher kommt.
„Grüße von ganz oben“ läuft erstmals von 28. Mai bis 1. Juni 2011 täglich um 19:30 Uhr im Palais Kabelwerk (Oswaldgasse 35A, 1120 Wien). Infos: www.gleichzeit.at
PressText: Anya Deubel, Moritz Geiser, Timo Müller, Patrick Rothkegel und Ottilie Vonbank sind als Theaterkollektiv gleichberechtigte Autoren, Regisseure und Schauspieler.








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