Im Reich der Cobra
Nur die Besten dürfen Schlange und Flammenschwert tragen, das Wappen der Eliteeinheit Cobra. Der WIENER war in ihrem Reich. Und lernte besonnene Kampfmaschinen kennen, die zwischendurch in Papa-Urlaub gehen.
Es ist ein markantes, metallisches Klicken. Man kennt dieses Geräusch nur aus Filmen. In einem Turnsaal wirkt es jedenfalls deplatziert, wie die 15 jungen Männer, die mit Splitterschutz und im Laufschritt gegen einen fiktiven Feind anstürmen, die Waffe im Anschlag. Auf ein Zeichen ihres Ausbilders, der aussieht wie Dolph Lundgrens Bruder, stoppen sie und nehmen die Sprossenwand unter Beschuss. Klickklickklick, Magazinwechsel, Klickklickklick. Trockenübung.
Sichern und Schließen
Im Raum gegenüber legt sich der andere Teil der Gruppe in der Zwischenzeit auf die Matte. Und zwar mit voller Härte. Wuchtiges Aufklatschen trickreich zu Fall gebrachter Körper dominiert die Geräuschkulisse. Dann wieder Klicken, diesmal jenes von Handschellen. „Sichern und Schließen“ nennen sie das hier.
Wir befinden uns im Reich der Cobra, genauer: in deren Hauptquartier. Ein 26 Hektar großes Areal bei Wiener Neustadt, abgeschottet mit doppelten, kamerabewehrten Sicherungszäunen, die an die Todesstreifen entlang der DDR-Grenzen erinnern – bis auf die fehlenden Selbstschussanlagen. „So schlimm sieht’s auch nicht aus“, wehrt Detlef Polay ab.
Der drahtige Mittvierziger mit Kurzhaarschnitt ist hier der Vizekommandant, zudem zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Eliteeinheit. Und er legt Wert darauf, dass die Truppe „nicht zu martialisch rüberkommt“. Für Martial-Arts- und sonstige Hitzköpfe sei nämlich kein Platz. Selektiert wird deshalb schon bei den Aufnahmeprüfungen durch psychologische Tests und Anhörungen durch die Jury. „In den Hearings stelle ich Fragen, mit denen keiner rechnet. Wir achten auf Auftreten, Ausdrucksfähigkeit und Authentizität der Bewerber. Schließlich können sie es künftig auch mit Staatspräsidenten zu tun haben.“
Seelischer Beistand
Polay ist einer, der es wissen muss. Vor 14 Jahren wechselte er zur Cobra, davor war er bei der Wega, ebenfalls eine Spezialeinheit. „Ich wollte eigentlich nie zur Polizei gehen“, sagt er. „Die Aussicht auf finanzielle Unabhängigkeit und die Möglichkeit des Uni-Besuchs durch den Schichtdienst waren verlockend.“ Mittlerweile schützt er den Bundespräsidenten auf Auslandsreisen, war unlängst in Kairo und 2006 während der Karikaturenkrise im Iran. Sein Team verklebte die Scheiben der Botschaft in Teheran mit bruchsicherer Folie, sondierte die Lage und leistete auch seelischen Beistand. „Es geht in erster Linie ums Zuhören. Wir vermitteln den Leuten, dass sie nicht alleine sind.“
Über hundert Anwärter buhlen jährlich um einen Platz in der Eliteeinheit, genommen werden rund 30. Voraussetzung ist die Polizeigrundausbildung. „Körperliche Fitness schadet auch nicht“, meint der Oberst lakonisch. Umgelegt auf die Knock-Out-Prüfungen für die Aufnahme heißt das etwa: Erklimmen eines Kletterseils ohne Zuhilfenahme der Füße, oder: Durchschwimmen eines Wasserbeckens mit auf den Rücken fixierten Händen. Das ist wohl auch der Grund, warum von rund 450 Cobra-Leuten nur eine Frau das Wappen mit Schlange und Flammenschwert trägt. „Genommen werden nur die Besten, unabhängig, ob Mann oder Frau.“
Harte Ausbildung
Und zwischen Wöllersdorf und Wiener Neustadt werden die Besten dann in sechs Monaten zur Elite herangedrillt. Auf dem Programm stehen Anti-Terrorkampf, Geiselbefreiung und Personenschutz; zu Lande und in der Luft, im In- und im Ausland. Trainiert wird auf einem Übungsparcours der Extraklasse, inklusive 25-Meter-Turm zum Fassadenklettern, stillgelegtem Reisebus und Passagierjet-Rumpf in Originalgröße. Nach der Ausbildung bleibt ein Teil der Truppe im Hauptquartier, der Rest wird auf Österreich verteilt und jährlich durchgecheckt. „Wer die Leistung nicht mehr bringt, muss zurück in die Wachstube.“
Familienfreundlich sei er nicht gerade, so ein Job. „Die Auslandseinsätze haben ja kein fixes Rückkehrdatum. Meine Frau beklagt sich manchmal, sie müsse den Haushalt so führen, als ob es mich nicht gäbe.“ Dazu kommt die Angst, die eigene, vor allem aber die der Angehörigen. Denn das ist der offizielle Auftrag der Cobra: Einsätze mit erhöhtem bis sehr hohem Gefährdungsgrad. „Als ich in Ägypten die Rückkehrhilfe mitkoordiniert habe, war meine Tochter schon sehr besorgt und hat sich regelmäßig die Nachrichten angesehen.“
Cobra in Karenz
Es ist ein archaisches Bild, das hier gezeichnet wird. Eines von Männern, die zu Felde ziehen, die Aufträge erfüllen und Wert auf geordnete Strukturen legen. Polay schmunzelt. „Wir haben Mitarbeiter hier, die in Väter-Karenz gehen und den Papamonat in Anspruch nehmen“, kontert er dann. Hohes Risiko, unregelmäßige Arbeitszeiten und gleiche Bezahlung wie im Streifendienst. Bleibt die Frage, warum man sich das antut. „Natürlich sind wir auch stolz auf die Einheit“, erklärt der Oberst. „Wir haben einen guten Ruf, international, in der Bevölkerung und auch bei den Kollegen. Aber was wir vor allem bieten können, ist Abwechslung.“
Hat er keine Sorge, dass der Ruf zu Kopf steigt, dass man abhebt im abgeschotteten Paralleluniversum einer Eliteeinheit? „Wer hierher kommt, muss begreifen lernen, dass die Schulwegsicherung oft wichtiger ist, als das, was wir machen. Zudem sind wir ja permanent draußen und Teil der Gesellschaft.“
Er deutet auf den leeren Appellplatz vor dem Hauptgebäude. „Das hier ist nicht das Maß der Dinge. Es ist meine berufliche Heimat, aber Familie habe ich zuhause“, meint er, und setzt nach: „Innen und außen, beides gehört dazu. Die wichtigen Dinge spielen sich meistens dazwischen ab.“
Stammsitz und Stabsstelle der Cobra ist bei Wiener Neustadt, daneben gibt es vier weitere Standorte in Wien, Graz, Linz und Innsbruck sowie Außenstellen in Klagenfurt, Salzburg und Feldkirch. Ziel ist es, in 70 Minuten jeden Ort in Österreich zu erreichen. Der vom früheren Innenminister Ernst Strasser recht willkürlich gewählte Zeitraum wird umgesetzt: „Wir lassen uns nicht auf die Minute festlegen, können die Vorgabe aber einhalten!“ so Oberst Detlef Polay. Die Wurzeln der Cobra liegen im Gendarmeriekommando Bad Vöslau. Die Sondereinheit wurde 1973 zum Schutz jüdischer Emigranten auf der Durchreise nach Israel errichtet. Die Terroraktionen der RAF im deutschen Herbst 1977 führten zur Gründung des Gendarmerieeinsatzkommandos (GEK) mit anfänglich 127 Beamten. Der Beiname Cobra – der Serie „Kobra, übernehmen Sie!“ entnommen – tauchte bald in Schlagzeilen auf und wurde ins Einheitsabzeichen übernommen.

ihr seit beste einheit der Welt