WIENER
Feature

Die Akte Tatort

Simples Konzept, Tabubrüche, coole Kommissare. Jeden Sonntag sitzen Hunderttausende vorm Fernseher und schauen „Tatort“. Seit 41 Jahren gibt es die Krimi- Reihe mit gigantischen Quoten – und ein Ende ist nicht absehbar. Woran liegt’s? Der WIENER hat ermittelt.

« 1 2»

Kalt und stürmisch ist es in Parndorf. Am Parkplatz stehen Polizeiautos, der Tatort ist mit einem rotweißen Fixierband abgeriegelt. Die Fahrer des Leichenwagens warten auf den leblosen Körper. Der junge Mann mit dem schwarzen Lockenkopf liegt am Bauch. Noch sieht man nicht, wie er umgekommen ist. Die Forensiker beugen sich bereits über die Leiche, um Spuren zu sichern. Etwas abseits stehen Kommissar und Kommissarin. Er beobachtet das Treiben mit einem wachen Blick, sie wirkt konzentriert und macht sich Notizen. Und dann…

„Aus. Harry, könntest du mal durch die andere Tür rausgehen?“ Mit Harry ist Schauspieler Harald Krassnitzer gemeint. Der WIENER sah sich auf einem Tatort-Filmset um und bat Harald Krassnitzer (Major Moritz Eisner) und Adele Neuhauser (Kommissarin Bibi Fellner) zum Interview – Wir wollten von den Ermittlern wissen, wie sie den Kult um den „Tatort“ erklären.

Millionen Zuseher und die Neue

Für tausende Kinder hieß es in den 70ern und 80ern am Sonntagabend Viertel nach Acht Schlafenszeit. Warum? Weil sich die Eltern ungestört Mord und Totschlag ganz legal ins Wohnzimmer holen wollten – sie schauten „Tatort“. Der österreichische Kommissar Moritz Eisner ermittelt seit 1999, seit März bekommt er tatkräftige Unterstützung von Bibi Fellner, die in der Sitte ein paar heftige Sachen gesehen hat und dem Alkohol nicht abgeneigt ist. Dank der charakterstarken Rolle und Schauspielerin Adele Neuhauser hat das Ermittler-Duo gleich beim ersten gemeinsamen Einsatz eine Traumquote von 990.000 Zuschauern in Österreich und 8,3 Millionen in Deutschland erreicht. Also nicht verwunderlich, dass der nächste gemeinsame Einsatz gleich im Mai zu sehen sein wird und der dritte Einsatz gerade abgedreht wurde. Die hohe Quote ist vor allem mit der Neugierde auf Adele Neuhauser erklärbar. François Werner, Betreiber der „Tatort- Fundus“-Fanseite: „Mir gefallen eher die älteren „Tatorte“ aus Wien, die mit Inspektor Fichtl oder sogar mit Oberinspektor Marek. Die Fälle mit Krassnitzer gefallen mir auch, aber nicht ausnahmslos. Die Ermittlungen in Tirol finde ich regelrecht schnarchlangweilig. Ich hab es lieber, wenn Eisner in Wien ermittelt – mit der neuen Assistentin Eisners bin ich gerade wieder sehr aufmerksam auf seine neuen Fälle geworden.“

Schauspielerin Neuhauser beschreibt im Interview mit dem WIENER Bibi Fellner als angekratzte Persönlichkeit: „Sie kämpft gegen sich und gegen die Welt und merkt, dass sie so nicht mehr weitermachen kann. Aber sie hat ein großes Herz.“

Tatort in der Kneipe gucken

Keine Serie im deutschsprachigen Raum gibt es so lange wie die „Tatort“-Reihe: Nämlich 41 Jahre! Allein „Lindenstraße kommt mit 26 Jahren annähernd heran. Der Erfolg von „Tatort“ liegt zum einen an den unterschiedlichen Charakteren und Arbeitsweisen der Kommissare: In Hamburg ermittelt Cenk Batu als Undercover-Agent, die niedersächsische Kommissarin Charlotte Lindholm rückt für ihre Fälle in die Einöde aus, das Münchner Team Franz Leitmayr und Ivo Batic gibt’s immer im Doppelback, genauso wie das Kölner Team Max Ballauf und Freddy Schenk. Die zwei letztgenannten Teams folgen übrigens dem Wiener Kommissar Eisner im österreichischen Quoten-Ranking vom vergangenen Jahr. Durch die 26 Kommissare verhindern die Programmmacher, dass sich der „Tatort“ tot läuft.

Ja, es gibt sie: die Hardcore-Fans. In Deutschland allerdings etwas strukturierter als hierzulande. Bei unseren Nachbarn artet laut François Werner von „Tatort- Fundus“ der Sonntagabend zum Gemeinsam- Tatort-Schauen in Kneipen aus: „Das ist seit der WM 2006 in Deutschland ein Riesenphänomen. Ich hab mir das einige Male selbst angeschaut und habe gestaunt.“

In Regensburg soll es eine Kneipe geben, die ein Wer-ist-der-Mörder-Quiz veranstaltet. Der Gewinner erhält den ganzen Abend Freigetränke. „Drehbuchautoren mischen sich auch in Kneipen und schauen, an welchen Stellen die Leute lachen – oder nicht. So kriegt diese Berufsgruppe auch mal ein Feedback“, erzählt Fan Werner.

Weiterlesen« 1 2»

Der 25. Fall von Moritz Eisner und Bibi Fellner - am 29. Mai im ORF.
  • email
  • Facebook
  • Twitter
  • Posterous
  • del.icio.us
  • Tumblr
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
Shortlink:

 

Userkommentare

Keine Kommentare zu diesem Artikel | Kommentar schreiben

wiener-online.at

Die offizielle Website des WIENER

Männer - Zeitgeist - Lifestyle - Kultur

Monday, 21.05.2012, 14:45 Uhr

Autorenprofil Anita Kattinger

Anita Kattinger
Die 28-jährige Publizistik-Absolventin begann ihre journalistische Laufbahn bei der Zeitschrift der Gewerkschaftsjugend und war mehrere Jahre als Innenpolitik-Redakteurin bei der Tageszeitung ÖSTERREICH tätig.

» Alle Beiträge von Anita Kattinger » Private Webseite

Jetzt in Ihrer Trafik!

WIENER

Das Juni-Heft u.a. mit folgenden Themen:

  • Die Schmäh Brüder
  • Jason Stathame
  • Ulrich Seidl
  • Ein Museum im Meer
» ZUM HEFTABO

Eventkalender

Weitere Online-Angebote der Styria Media Group AG:
Börse Express | Die Presse | ichkoche.at | Kleine Zeitung | sport10.at | typischich.at | willhaben | WirtschaftsBlatt
//wiener-online.at