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Bühne

18.000 Schläge, einer ins Gesicht

Alvis Hermanis inszeniert Tschechows erstes Stück „Platonow“ am Akademietheater – sein alter Vorgänger Stanislawski hätte sich gefreut.

Dörte Lyssewski (Anna Petrovna Vojniceva), Martin Wuttke (Michail Vasiljevic Platonov), Yohanna Schwertfeger (Marja Efimovna Grekova)

Eine Ansage vom Band: Regisseur Alvis Hermanis bereitet die Zuschauer darauf vor, dass aus künstlerischen Gründen einige Textstellen unverständlich bleiben werden. Dann geht der Vorhang hoch und offenbart eine Art der Ausstattung, wie sie heute selten zu sehen ist: Das Stück aus dem späten 19. Jahrhundert spielt im späten 19. Jahrhundert. Monika Pormales Bühnenbild und Eva Desseckers Kostüme bilden präzise diese heruntergekommene Landadeligenwelt ab. Es ist wie schon beim alten Stanislawski, Tschechows Zeitgenossen und Förderer des psychologischen Theaters: Eingänge und Ausgänge auf der Bühne sind klar verortet, die Roben der Damen wackeln rückwärtig umständlich umher, und wenn Haushälterin Katja (Brigitta Furgler) im Wohnzimmer die Fenster öffnet, meint man ein Lüftchen zu verspüren. Die Möbel haben Patina angesetzt, die Sträucher im Garten blühen. Nie ist es völlig still: Vögelgezwitscher, Kuhglockengeläute und Zuglärm perfektionieren die Illusion, eine wunderschöne und behutsame Ausleuchtung (Gleb Filshtinski) sorgt für die adäquate Stimmung und verrät die jeweilige Tageszeit.

Diese Ausgangssituation ist ein eleganter Schlag ins Gesicht des Bildungsbürgertums, das vielfach Theater immer noch danach bewertet, wie „realistisch“ es ist. Da haben sie nun Historismus pur, aber sie verstehen nicht jedes Wort und dürfen sich nicht einmal beklagen, denn es wurde ihnen ja vorher erklärt. „Lauter bitte!“, ruft dennoch eine Dame nach zehn Minuten. Die hat wohl zu spät an ihrem Hörgerät gedreht.

Sommerfrischezusammenkunft

Langsam, aber sicher versammelt sich die Belegschaft des Dramas zu Speis und vor allem Trank. Die verarmte Anna Petrowna Wojnicewa (resolut: Dörte Lyssewski) hat zur Versteigerung ihres Guts geladen, sie hofft, dass Glagoljew (charmant übereifrig: Peter Simonischek) es kauft, der sie in Wahrheit nur heiraten will. Ihr Stiefstohn Sergej (Philip Hauß) hat endlich geheiratet, Sofia (Johanna Wokalek überzeugt zur Gänze in einer Rolle, die ihr eigentlich zu alt ist), die einst die Geliebte des zynischen Platonow (Martin Wuttke) war, in den alle verliebt sind, der aber alle verachtet, auch seine eigene Frau (Sylvie Rohrer). Außerdem zu Gast: Fabian Krüger als jüdischer Dichter, Michael König als dessen Vater, Hans Dieter Knebel als leutseliger Hedonist und so weiter. Wie immer bei Tschechows Sommerfrischezusammenkünften gibt es in den ersten beiden Akten sehr viel Wiedersehensgeplänkel, Scherze und eine lange gesellschaftliche Orientierungsphase (vor allem für Zuschauer).

Vor allem hierbei ist Natürlichkeit Hermanis’ oberstes Prinzip: Die Schauspieler haben immer etwas zu tun, räumen auf, decken sich zu, lesen Zeitung. Viele Dialoge finden scheinbar nebenbei statt, oft gleichzeitig, wodurch tatsächlich viel Text untergeht, aber nie etwas Wesentliches, darauf achtet der internationale Regiestar schon. Wenn Platonow und Anna Petrowna beschwipst und wie zufällig auf der Veranda tanzen und über Liebe sprechen, ist das einer von vielen zauberhaften Momenten.

Tschechow schrieb „Platonow“ mit 19, uraufgeführt wurde es erst posthum, nachdem es offiziell ohne Titel als Handschrift im Nachlass des Autors entdeckt worden war. Als Aufführungsdauer des ungekürzten Originaltextes werden zwischen vier und sieben Stunden veranschlagt. Fünf Stunden dauert nun Hermanis’ Fassung: Das sind 300 Minuten, 18.000 Schläge auf der Wanduhr hinten rechts im Esszimmer, die immer wieder rauszuhören ist aus dem Konzert der Naturklänge, russischer Klagelaute und bissiger Konversation.

Mehr oder weniger Rausch

Zu behaupten, keine einzige dieser Sekunden sei langweilig, wäre vermessene Schwärmerei. Gerade in der zweiten Hälfte, die auf die lakonische, von ihm selbst eingeleitete Erschießung des Platonow durch Sofia hinausläuft, ebbt der Zauber ab, geht das Konzept nicht mehr ganz auf, da die Akte drei und vier aus konventionallen Zweier- und Dreierszenen betrunkener und verkaterter Menschen bestehen, deren Intimität nicht erst erarbeitet werden muss. Auch zeigt das Ensemble Ermüdungserscheinungen. Vor allem Philip Hauß als betrogener Ehemann gibt sich dem Rausche nur sehr minimalistisch hin. Grandios hingegen die Alkoholwirkungskurve des Hauptdarstellers Martin Wuttke, der mit dieser detailgenauen Art des Arbeitens den absoluten Kontrapunkt zu den improvisationsfreudigen Pollesch-Abenden setzt, in denen er sonst brilliert.

Insgesamt erhebt sich Hermanis’ konsequent durchgezogenes Konzept über die Achse zwischen Langeweile und Spannung. Man ist da, man sieht und hört. Der Tschechow wird als reichhaltiges, liebevoll angerichtetes Buffet an Emotionen und Pessimismen aufgetischt, von dem man jederzeit selbst wählen kann und muss, was einen berührt. Und was ist es, das hängen bleibt? Vielleicht gar nicht so viel. Aber das galt es erst zu beweisen. Und das Experiment hat sich gelohnt.

„Platonov“ von Anton Cechov, Inszenierung: Alvis Hermanis; im Akademietheater – nächste Termine: 12., 15. und 19. Mai, 5., 18. und 25. Juni 2011, Akademietheater.
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Monday, 21.05.2012, 14:37 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

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