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100 Jahre Max Frisch: Der WIENER liest Homo Faber

Blitzbildung: Der WIENER liest für Sie Klassiker der Weltliteratur. Diesmal zum 100er von Max Frisch seinen berühmtesten Roman: Tragödie eines Technikers als Tagebuch.

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(c) Max Frisch Archiv, Zürich

„Wieso Fügung? Ich war nicht verliebt, im Gegenteil, sie war mir fremder als je ein Mädchen, sobald wir ins Gespräch kamen, und es war ein unwahrscheinlicher Zufall, daß wir überhaupt ins Gespräch kamen, meine Tochter und ich. Es hätte ebensogut sein können, daß wir einfach aneinander vorbeigegangen wären. Wieso Fügung? Es hätte auch ganz anders kommen können.“

Walter Faber glaubt nicht ans Schicksal. An Heirat oder Liebe mag der Schweizer Ingenieur vielleicht glauben, aber er interessiert sich nicht besonders dafür. Behauptet er zumindest in sehr vielen Worten in seinem tagebuchartigen Bericht. „Homo faber“, das ist der arbeitende Mensch. Und der wohl berühmteste Bestseller von Max Frisch, ein 200-Seiten-Roman aus dem Jahr 1957, der noch heute, hundert Jahre nach seiner Geburt (15. Mai), zwanzig nach seinem Tod (4. April) und viel Interpretation und Analyse ein kurzweiliges Lesevergnügen bereitet.

Denn der 50-jährige Faber ist ein Meister darin, sich in seiner rationalen Weltsicht selbst zu belügen. Er trifft ständig Bauch- und Herzensentscheidungen, die er im Bericht umständlich als rational zurechtbiegt. Was ihm alles zustößt, das wäre in einem Autorenratgeber zum Verfassen plausibler Handlungsstränge als fettes „Don’t“ hervorgehoben: So lernt er in einem Flugzeug, das in Mexikos Wüste notlandet, Herbert Hencke kennen, zufällig Bruder seines Jugendfreundes Joachim, und verschiebt kurzerhand eine Dienstreise, um ihn zu ebendiesem zu begleiten. Sie finden ihn auf seiner Plantage erhängt auf. Kurz darauf reist Faber mit dem Schiff von New York nach Europa – spontan natürlich.

Auf der Überfahrt trifft er die 20-jährige Elisabeth, macht ihr einen Heiratsantrag, den sie nicht ernst nimmt, und begleitet sie, wieder einen Berufstermin vernachlässigend, auf ihrer Weiterreise. Weil die Mondfinsternis so entzückend ist, kommt es zu einer „Umarmung“, wie es bei Frisch immer heißt. Pech: Sie ist seine Tochter. Noch mehr Pech: Sie stürzt beim Baden nach einem Schlangenbiss, verletzt sich am Kopf und stirbt, kurz nachdem Faber sein Inzest bewusst geworden ist. Nicht nur wegen des Schauplatzes Griechenland eine Tragödie antiker Tragweite.

Das Erstaunliche an dieser monströsen Geschichte ist, wie untragisch Max Frisch sie schildert: Bis kurz vor Schluss führt Faber penibel Notizen und tut Emotionen als Müdigkeitserscheinungen ab: ein Techniker des Lebens, wie sein Schöpfer, der im Brotberuf zwar nicht Ingenieur war, aber immerhin Architekt.

HOMO LABER?

Merkwürdige Zitate:

  • „Alles ist nicht tragisch, nur mühsam“: Frischs scheinbar zynischer Ich-Erzähler redet sich um Kopf und Kragen.
  • „Wozu hysterisch sein? Gebirge sind Gebirge [...] Ein Flugzeug ist für mich ein Flugzeug, ich sehe keinen ausgestorbenen Vogel dabei, sondern eine Super-Constellation mit Motor-Defekt, nichts weiter, und da kann der Mond sie bescheinen, wie er will.“ S. 25.
  • „Ich glaube, Herbert fand es nicht gerade kameradschaftlich von mir, daß ich überhaupt nichts glaubte, aber es war einfach zu heiß, um etwas zu glauben, oder dann glaubte man geradezu alles – wie Herbert.“ S. 38.
  • „Wir sprachen über Sternbilder – das Übliche, bis man weiß, wer sich im Himmel noch weniger auskennt als der andere, der Rest ist Stimmung, was ich nicht leiden kann.“ S. 90
  • „Alleinsein ist der einzigmögliche Zustand für mich, denn ich bin nicht gewillt, eine Frau unglücklich zu machen, und Frauen neigen dazu, unglücklich zu werden.“ S. 91f.

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Max Frisch (* 15. Mai 1911 in Zürich; † 4. April 1991 ebenda)
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Monday, 21.05.2012, 14:37 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

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