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„Kommen der Realität sowieso nicht nach“

Die TATORT-Kommissare Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser im WIENER Interview

Harald Krassnitzer spielte 1999 das erste Mal Major Moritz Eisner. Bisher schnüffelte der Kommissar in 24 Folgen.

Warum ist der Tatort seit 40 Jahren so beliebt?

Krassnitzer (K): Dadurch, dass es 26 Kommissare gibt, gibt es eine große Abwechslung und Fluktuation. Ein Faktor ist sicher auch das Lokalkolorit. Außerdem ist die Reihe immer am Zahn der Zeit, wir haben immer aktuelle Themen.

Neuhauser (N): Das hält die Leute dran. Die Geschichten sind gut geschrieben und es spielen gute Schauspieler. Die Zuseher sind müde, immer die amerikanischen Geschichten zu sehen.

K: Wir hanteln uns von Tatort zu Tatort und bringen immer neue Tabu-Geschichten. Bis an die Grenze des Unerträglichen. Die Geschichte von unserem ersten gemeinsamen Einsatz über die gewalttätigen Kinder basierte auf realen Fällen! Kinder, die andere Kinder mit Scheiße einschmieren, anpinkeln und dann mit einem Plastiksackerl über’m Kopf liegen lassen. Unvorstellbar grausam. Wir kommen der Realität sowieso nicht mehr nach – die Realität ist tausendmal stärker.

Die Tatort-Reihe funktioniert nach ungeschriebenen Gesetzen: In den ersten Minuten passiert ein Mord, es gibt keine Rückblenden, der Mörder muss erwischt…

K: Aso, gibt’s das? Nein, bei uns werden diese Regeln aber oft gebrochen. Demnächst sind wir uns nicht sicher, ob wir den Mörder wirklich erwischt haben. Na gut, die Leiche in den ersten Minuten ist ja klar. Die Leiche in der 90. Minute…

N: Tut mir leid, heute geht sich die Aufklärung nicht mehr aus, aber beim nächsten Mal. Das wäre aber was.

Ist die neue Charaktere Bibi Fellner eine gebrochene Persönlichkeit?

N: Sie ist nicht gebrochen, sie ist angekratzt. Sie kämpft gegen sich und gegen die Welt und merkt, dass sie so nicht mehr weitermachen kann. Aber sie hat ein großes Herz.

K: Ich finde sie wunderschön, weil sie authentisch ist. Ich denke da an eine Seifen-Werbung mit normalen Körpern…

Adele Neuhauser ermittelt als Bibi Fellner an der Seite von Moritz Eisner. Ihren zweiten Einsatz hat sie am 29. Mai.

N: Es ist so wie in den englischen Filmen, wo man endlich andere Gesichter sieht und sich denkt: Endlich ein normaler Mensch.

K: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Dass die Adele einen Herzensmenschen spielt, findet unglaubliche Resonanz. Nicht geschleckt, kein Held, keine Traumfrau. Traumfrau beinhaltet ja immer, dass diese Frauen nicht real sind, die kann man gar nicht erreichen.

Herr Krassnitzer, Sie spielen seit 12 Jahren die Rolle des Major Eisner. Ist er Ihnen ähnlich?

Neuhauser: Er regt sich über gewisse Dinge auf, die Harry auch aufregen würden – über politische Situationen und menschliche Unzulänglichkeiten.

K: In einer gewissen Sturheit, vielleicht. Mir gefällt, dass sowohl Bibi Fellner als auch Moritz Eisner politisch unkorrekt sein dürfen. Sie verwenden die politische Incorrectness, um auf das eigentliche Thema zu kommen. Das erleichtert mir die Seele. Denn der Pseudo-Liberalismus, den wir uns in der Hoffnung auf eine multikulturelle Gesellschaft auferlegt haben, ist ein riesengroßer Sch…

N: … Schaß.

K: Das Schöne ist, die Spielwiese zu nutzen, auch Neger sagen zu dürfen. In der Realität würden wir jedem über den Mund fahren. Aber das Spiel ist schön. [beide lachen]

Hat sich die Rolle des Major Eisner über die Jahre verändert?

K: Er ist älter geworden. Der Eisner kann nicht mehr so schnell laufen wie früher. Altersweise ist er noch nicht, das kommt erst später. Jetzt ist er in der Phase, wo er sich das Alter schön redet. Er versucht etwas zu bringen, was er nicht mehr bringen kann. Er kaschiert, dass er eine gewisse Dynamik nicht mehr hat.

Welche deutschen Tatort-Kommissare gefallen Ihnen denn besonders gut?

N: Die Münster-Konstellation Jan Josef Liefers und Axel Prahl ist verdammt okay.

K: Die Kölner sind auch schwer in Ordnung. Ich mag die Bodensee-Kommissarin Eva Mattes als Schauspielerin sehr.

N: Und die Münchner sind lustig.

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Tuesday, 21.05.2013, 03:49 Uhr

Autorenprofil Anita Kattinger

Anita Kattinger
Die 28-jährige Publizistik-Absolventin begann ihre journalistische Laufbahn bei der Zeitschrift der Gewerkschaftsjugend und war mehrere Jahre als Innenpolitik-Redakteurin bei der Tageszeitung ÖSTERREICH tätig.

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