WIENER
Feature

Wir Türken

Die Welt der Wiener Türken – eine Welt, die vielen Menschen fremd erscheint. Obwohl wir uns an Vieles, was diese Welt ausmacht, längst gewöhnt haben: an türkisches Essen und türkische Musik, an verschleierte Frauen und schnauzbärtige Männer. Der WIENER tauchte ein in diese Welt – um zu verstehen, wie Wiens Türken wirklich leben, wirklich denken, wirklich feiern.

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Zwei Kulturen. Die Freunde El Hac Yüksel, Tuncay Akgül (l.) und Zafer Durmaz (r.) hängen gern am Brunnenmarkt ab.

Samstag, spätnachts, eine Hinterhof-Disco in Wien-Favoriten. Die Tanzfläche ist voll mit jungen Mädchen. Nur zwei Burschen wagen sich in das Gewoge, alle anderen stehen am Rand und schauen zu. Saturday Night halt, ganz wie gewohnt? Nur fast, denn aus den Boxen knallt ausschließlich türkische Musik. Wir sind im Club 34, einer der derzeit angesagtesten Locations in Wien.

Es ist ein Uhr früh, als die Menschen Richtung Bühne zu drängen beginnen. Sie warten auf Emre Aydin, in der Türkei ein Megastar, top wie bei uns, na, sagen wir, Robbie Williams. Vor ein paar Jahren wurde er als Shootingstar bei den MTV Europe Music Awards ausgezeichnet. Rund 800 Fans hat er an diesem Abend in den Club 34 gelockt. Ein Österreicher, zumindest einer ohne türkischen Background, würde sich nicht einmal nach ihm umdrehen.

Der Club 34 ist eine der Stationen auf unserer Tour durch eine weitgehend fremde Welt; die Welt der Türken in Wien. Es ist eine Welt, die sich hinter Schleiern verbirgt, und hinter einem Glauben, der manchen Menschen Angst macht. Es ist eine Welt, in der Österreicher kein Wort Deutsch sprechen, weil ihr Herz ihrer alten, türkischen „Heimat“ gehört. Es ist eine Welt, an deren Geschmack wir uns längst gewöhnt haben; deren Musik uns zwar fremd vorkommt, aber an Urlaub erinnert (und uns deshalb ein fast seliges Lächeln auf die Lippen zaubert). Es ist eine fremde Welt, und sie ist mitten unter uns.

Weit weg von der Hinterhof-Disco im noblen ersten Bezirk gibt es ein kleines, aber feines Tattoo- Studio, das arabische Kalligraphie anbietet. Besitzer El Hac Yüksel kam im Alter von sechs Jahren nach Österreich. Seine Mutter Fatma hatte in zweiter Ehe einen Türken geheiratet, der Gastarbeiter in Österreich war. Am 2. Jänner 1980 holte er Frau und Stiefkind aus Antakya nach Wien-Ottakring. Der Stiefvater bekam damals als Bauarbeiter gerade 10.000 Schilling, zu dritt harrte die kleine Familie auf 20 Quadratmeter aus. Yüksel: „Es war keine schöne Zeit. Alles war neu für mich, ich habe mich fremd gefühlt. Meine Mutter hat mich jeden Tag in die Schule gebracht und wieder abgeholt. Die einzige Abwechslung, die ich hatte, war die Koranschule.“

Die Glitzerwelt der Innenstadt

Heute ist der 36-Jährige über seine karge Freizeit dankbar: Weil die Familie keinen Fernseher hatte, übte das Kind jeden Tag die arabische Schönschrift zu Hause. Nach einigen Wochen zeigte der Stiefvater Frau und Sohn die Innenstadt: „Dieses Glitzern werde ich nie vergessen. So viele Geschäfte, das kannte ich aus unserem Dorf nicht. Damals sagte ich über die Kärntnerstraße: ‚Hier möchte ich einmal arbeiten.‘ Was eine Nobelgegend ist, wusste ich nicht, aber ich wusste, hier gefällt es mir.“ Schicksal, sein Studio befindet sich heute in einer Seitengasse der Kärntnerstraße.

Brunnenmarkt. Wenige Österreicher tun sich den harten Job am Marktstand an.

Die Kindheit war in dem fremden Land nicht einfach. Stets fühlte er sich als Ausländer. „In der Schule habe ich immer darauf geachtet, dass ich mich genauso kleide wie die anderen, damit ich ja nicht auffalle. Ich wollte mich integrieren und ich hab das auch immer geschafft. Aber ich wurde in der Schule dennoch gehänselt und ich habe oft gehört: ‚Geh doch wieder in die Türkei zurück.‘ Es war furchtbar, aber ich habe durchgebissen.“ Yüksel schaffte die HAKMatura.

„Meine Eltern waren Fremde“

Der kurdisch-deutsche Migrations-Experte Kenan Güngör kam im Kindesalter von einem ost-anatolischen Bergdorf nach Deutschland. Erst mit sieben Jahren lernte er seine Eltern kennen: „Diese Phänomen betrifft meine ganze Generation: Die Eltern bauten sich zuerst eine Existenz auf und holten die Kinder später nach. Meine Eltern waren Fremde für mich. Ich konnte auch kein Wort Türkisch, sondern nur Kurdisch. Zuerst musste ich Türkisch lernen, weil meine Eltern nicht auffallen wollten. Wir gingen auch in die Moschee, um nicht aufzufallen, obwohl das Aleviten nicht machen.“

Tatsächlich gibt es die Türken nicht. Es gibt Kurden, Armenier, Aleviten, Muslime. Sie haben nur eines gemein: Sie alle kommen aus der Türkei. Aber sie müssen nicht die gleiche Sprache sprechen, nicht die gleichen Feste feiern und nicht in Moscheen beten. In den österreichischen Wahlkampf-Reden geht es aber stets um die türkische Unterschicht: höhere Armut, höhere Arbeitslosigkeit, schlechte Pisa-Ergebnisse und Kopftücher. Migrations-Experte Kenan Güngör: „Woran erkennen wir Fremde? Wir bemerken Fremde auf der Straße durch Andersaussehen. Ein Großteil der Menschen aus Ex- Jugoslawien fällt im Alltag nicht auf.“

247.000 Türken leben in Österreich. Davon sind 90.000 hier geboren. Hotspot der Community ist die Bundeshauptstadt. Der Ottakringer Brunnenmarkt wird von den Wienern Klein- Anatolien genannt. Der bekannte österreichisch-türkische Modedesigner Atil Kutoglu, der zuletzt bei Austria’s Next Topmodel in der Jury saß, stattet dem Brunnenmarkt regelmäßig Besuche ab: „Natürlich haben sich die Türken am Brunnenmarkt ein türkisches Umfeld geschaffen, aber dort leben ja nicht nur Türken, und nicht alle Türken wohnen am Brunnenmarkt. Es ist sicher kein Ghetto.“

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Userkommentare

1 Kommentar zu diesem Artikel | Kommentar schreiben
  • 5. November 2012 von Fritz:

    Schön, mal was nettes aus Wien zu erfahren. In München haben wir es etwas schwerer- gelegenheitlich werden die Jungs etwas agressiv und schlagen einen Rentner oder einen weissen Jungen zusammen, in der U-Bahn wird es mit den Kameras festgehalten. Auch wird es nicht so, wie in Wien offen, in München wird von den Türken und Arabern die Umgebung vom Hauptbahnhof zu “Klein Instanbul” umfunktioniert. Die Ur-Münchener sind schon vor den zahlreichen, von der Stadt finanzierten Islamschulen und Vereinen geflüchtet. Die Landwehrstrasse, Goethestrasse und Schillerstrasse sind schon rein islamisch. man kann die originale Balkanküche geniessen, auf der Strasse die scheinbar ewig unbeschäftigte Tschuschen betrachten, einfach ohne Reise den Istanbul besuchen. Nicht ein Schild in der deutschen Sprache stört den Reiseeindruck.

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Thursday, 23.05.2013, 14:49 Uhr

Autorenprofil Anita Kattinger

Anita Kattinger
Die 28-jährige Publizistik-Absolventin begann ihre journalistische Laufbahn bei der Zeitschrift der Gewerkschaftsjugend und war mehrere Jahre als Innenpolitik-Redakteurin bei der Tageszeitung ÖSTERREICH tätig.

» Alle Beiträge von Anita Kattinger » Private Webseite

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